Ein Morgenimpuls für dich ☀️
Dein Gehirn ist nicht auf Wahrheit programmiert.
Du wachst morgens auf und hast einen guten Tag. Dann plötzlich ein kleiner Kommentar von einer Kollegin, eine Nachricht, die nicht beantwortet wurde, oder ein flüchtiger Blick. Und auf einmal kippt alles.
Deine Brust wird eng. Dein Verstand sagt dir, dass du „ein Versager“ bist oder „nicht liebenswert“ oder dass „das Kommende schlimmer wird“. Obwohl du vor einer Stunde noch gelacht hast, fühlt sich das Leben jetzt vollkommen dunkel an.
Der Wechsel geschieht schneller als ein Gedanke. In einem Moment ist alles in Ordnung. Im nächsten hat dein Nervensystem die gesamte Erzählung deines Lebens neu geschrieben. Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie. Dein Gehirn ist auf Überleben ausgelegt, nicht auf Genauigkeit. Es scannt nach Gefahr, nicht nach Wahrheit. Und wenn es etwas entdeckt, das wie Bedrohung wirkt, selbst auf sozialer Ebene, flutet es dein System mit Chemikalien, die sich wie Gewissheit anfühlen.
Das Gefühl kommt zuerst. Die Geschichte folgt danach. Dein Körper spannt sich an, Cortisol steigt, deine Wahrnehmung verengt sich. Dann beginnt dein Verstand hektisch zu erklären, warum du dich so fühlst. Er greift nach der nächstliegenden Erzählung: „Ich versage“, „Sie hassen mich“, „Alles fällt auseinander“. Diese Geschichte fühlt sich wahr an, weil das Gefühl real ist. Doch das Gefühl ist eine chemische Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, keine präzise Abbildung der Realität.
Du siehst die Realität nicht so, wie sie ist. Du siehst deine Interpretation der Realität, gefiltert durch ein Nervensystem, das von jedem Moment geprägt wurde, den du je erlebt hast. Dein Gehirn läuft auf Mustererkennungssoftware, die aus deinen frühesten Bindungen, deinen ungelösten Ängsten und deiner nicht verarbeiteten Scham entstanden ist. Wenn etwas in der Gegenwart etwas Schmerzhaftem aus der Vergangenheit ähnelt, reagiert dein System so, als würde die Vergangenheit jetzt gerade passieren.
Das nennt die Psychologie kognitive Verzerrungen. Mentale Filterung: Dein Verstand ignoriert zwanzig neutrale oder positive Begegnungen und fixiert sich auf den einen mehrdeutigen Kommentar. Schwarz-Weiß-Denken: Wenn du nicht perfekt bist, bist du wertlos. Gedankenlesen: Du entscheidest ohne Beweise, was jemand anderes denkt. Katastrophisieren: Du nimmst einen einzelnen Datenpunkt und leitest daraus den totalen Zusammenbruch ab.
Diese Muster sind nicht zufällig. Es sind Überlebensstrategien, die dein Nervensystem entwickelt hat, als du jung warst und Bedrohung sich dauerhaft angefühlt hat. Ein Kind, das die Stimmung eines Elternteils beobachten musste, um sicher zu sein, wird zu einem Erwachsenen, der jedes Gesicht nach Zeichen von Missbilligung scannt. Ein Kind, das für Fehler bestraft wurde, wird zu einem Erwachsenen, dessen Nervensystem Unvollkommenheit als Gefahr behandelt. Diese Verzerrungen haben dich früher geschützt. Heute halten sie dich gefangen.
Der Schmerz, den du fühlst, ist real. Die Ursache ist es nicht. Dein Nervensystem reagiert auf einen Geist. Der Kommentar der Kollegin war kein Angriff. Die unbeantwortete Nachricht war keine Zurückweisung. Aber dein Körper weiß das nicht. Er weiß nur: Bedrohung erkannt, entsprechend reagieren.
Du kannst den anfänglichen chemischen Schub nicht stoppen. Der ist autonom. Was du unterbrechen kannst, ist die Geschichte, die du darüber erzählst. Wenn das Gefühl auftaucht, halte inne. Benenne, was geschieht: „Das ist Angst, keine Daten.“ „Das ist mein Nervensystem, das auf eine wahrgenommene Bedrohung reagiert, nicht auf eine tatsächliche.“ Das Benennen schafft Abstand. Es erinnert dich daran, dass du der Beobachter der Reaktion bist, nicht die Reaktion selbst.
Dann stelle die Erzählung infrage. Dein Verstand sagt: „Sie hassen mich, weil sie nicht geantwortet haben.“ Frage dich: Welche Beweise sprechen dafür? Welche sprechen dagegen? Gibt es andere Erklärungen? Das ist kein positives Denken. Das ist Realitätsprüfung. Du bittest dein Gehirn, langsamer zu werden und seine Annahmen zu überprüfen, statt das alte Programm ungeprüft laufen zu lassen.
Zum Schluss wende die Regel der besten Freundin an. Wenn jemand, den du liebst, mit genau diesem Gedanken zu dir käme, würdest du seiner harten Interpretation zustimmen? Oder würdest du Perspektive, Kontext und Mitgefühl anbieten? Sprich mit dir selbst so, wie du mit dieser Person sprechen würdest. Das ist kein Sich-selbst-Beruhigen. Das ist Genauigkeit. Du verdienst dieselbe geerdete Perspektive, die du jedem anderen zugestehen würdest.
Schreib den Gedanken auf, der dir den Tag gekapert hat. Schreib daneben: „Das ist ein Gedanke, keine Tatsache.“ Atme. Spüre, wie sich deine Brust ein wenig löst. Das ist der Moment, in dem du dir die Handlungsmacht aus dem chemischen Schub zurückholst.
Du bist nicht deine Gedanken. Du bist nicht deine Angst. Du bist das Gewahrsein, das beides bemerkt. Wahre Stärke besteht nicht darin, niemals zu fallen. Sie besteht darin zu erkennen, wann die Linse verzerrt ist, und sich zu entscheiden, nicht alles zu glauben, was man durch sie sieht.
Have a nice day 🤍
Joe Turan
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