Zwischen 45 und 55 gehen mehr Beziehungen zu Ende als in jedem anderen Lebensabschnitt. Die Gründe liegen auf der Hand. Menschen verändern sich. Kinder ziehen aus. Träume platzen. Man lebt nebeneinander her, oder merkt plötzlich: wir waren nie wirklich miteinander.
Aber es gibt einen Faktor, über den fast niemand spricht. Einen, der still im Hintergrund wirkt, aber mit voller Wucht trifft: die Wechseljahre.
Ich dachte früher, die Wechseljahre wären Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, ein bisschen hormonelles Chaos. So eine Phase halt, die man durchsteht. Heute sehe ich es anders. Was passiert, wenn genau die Hormone verschwinden, die ihr jahrelang geholfen haben, das Unerträgliche zu ertragen?
Östrogen und Progesteron waren nicht nur für den Zyklus oder die Libido da. Sie waren wie ein innerer Weichzeichner. Haben sie ruhiger gemacht, anpassungsfähiger, sozialer. Sie haben sie lächeln lassen, wenn sie eigentlich müde war. Zuhören, obwohl sie selbst kaum noch konnte. Aushalten. Still sein. Funktionieren. Und wenn diese Hormone gehen, dann geht auch genau das.
Ich habe es gesehen. Bei Frauen, die ich geliebt habe. Bei Klientinnen. Bei Freundinnen meiner Freunde. Plötzlich stellen sie andere Fragen. Tiefere. Ehrlichere. Schmerzhaft direkte. Was will ich eigentlich? Warum habe ich so lange geschwiegen? Was davon war wirklich ich?
Und dann kommt Stille. Und danach kommt Wahrheit. Und die ist nicht immer sanft.
Wir nennen es gern Midlife-Crisis. Das ist Quatsch. Das ist kein Zusammenbruch. Das ist Klarheit. Sie ist nicht verloren. Sie ist endlich da. Klar. Wach. Ungefiltert. Plötzlich sieht sie das System, die Rollen, die Erwartungen, die stillen Verträge, die nie verhandelt wurden. All die Glaubenssätze, die sich eingebrannt haben wie ein Virus im Betriebssystem: Sei brav. Mach keinen Ärger. Du bist dann wertvoll, wenn du schön bist, leistest, für andere da bist. Sag lieber nichts. Sei anpassungsfähig. Sei angenehm.
Und plötzlich hört sie dieses alte Programm und weiß: Das bin ich nicht.
Jetzt kommt der Einwand. Gibst du Männern wieder eine Ausrede? Dass ihre Hormone und ihre Biologie schuld sind, wie immer? Dass es nie die Verantwortung der Männer ist, uns nicht zu verstehen?
Nein. Darum geht es nicht. Wenn Östrogen und Progesteron sinken, wird der Blick klarer. Viel klarer. Und das, was früher noch geschluckt, ertragen, angepasst wurde, steht plötzlich glasklar im Raum. Und sie denkt sich: Warum zur Hölle habe ich das mitgemacht?
Die sogenannte Bullshit-Toleranz sinkt rapide. Das Bedürfnis, zu gefallen, zu glätten, sich zu beugen? Ist weg. Sie merkt plötzlich: Ich will nicht mehr kompensieren, nicht mehr erklären, nicht mehr entschuldigen. Und wenn du als Mann das nicht siehst, wenn du das Unbehagen nennst oder Schwierigkeit oder nicht mehr wie früher, dann verpasst du den Moment, in dem sie dir endlich zeigt, wer sie wirklich ist.
Die Zahlen lügen nicht. Eine Studie aus 2023 zeigte: 73 Prozent der Frauen in Trennung sagen, dass die Wechseljahre eine Rolle gespielt haben. 67 Prozent berichteten von mehr Streit, mehr Eskalation. Und das Bittere? Die meisten wussten gar nicht, dass es mit den Hormonen zusammenhängt, bis es zu spät war. Nur jede Fünfte hatte überhaupt Hilfe gesucht. Nur ein Drittel bekam Hormontherapie. Und fast 70 Prozent sagten, Unterstützung hätte die Beziehung vielleicht gerettet.
Und trotzdem redet kaum jemand darüber. Nicht die Ärztin. Nicht die Therapeutin. Nicht der Anwalt. Und wir Männer? Erst recht nicht.
Was da passiert, ist kein Drama. Es ist ein Erwachen. Aber wenn du nicht weißt, was du da vor dir hast, dann interpretierst du ihre neue Klarheit als Angriff. Als Verrat. Als Verlust dessen, was vorher war.
Ja, das tut weh. Für beide. Weil wenn du all die Jahre mit ihrer Sanftheit zusammen warst, mit ihrem Aushalten, ihrem Rückzug, ihrem Funktionieren, dann fühlt sich ihre neue Wahrheit an wie Verrat. Aber es ist kein Verrat. Es ist Rückkehr. Zu sich selbst.
Und die Frage ist: Kannst du ihr dort begegnen? Nicht als der Mann, der von ihrem Schweigen profitiert hat, sondern als der, der bereit ist, sein eigenes zu hinterfragen?
Ich habe das nicht aus Büchern gelernt. Sondern im echten Leben. In Tränen. In Gesprächen, die weh taten. In Momenten, wo ich nicht wusste, was eigentlich gerade passiert. Und irgendwann habe ich es verstanden: Ihre Wut ist nicht gegen mich. Sie ist gegen das System. Gegen das Unsichtbare, das sie über Jahre klein gemacht hat. Und manchmal war ich Teil davon. Ohne es zu merken.
Heute höre ich anders zu. Weniger mit dem Reflex, zu reparieren. Mehr mit dem Mut, zu halten. Ich frage nicht mehr: Was brauche ich von ihr? Sondern: Was braucht sie von sich, und kann ich damit umgehen?
Denn die Wechseljahre sind kein Ende. Sie sind ein Feuer. Ein Neuwerden. Ein ehrlicher Blick auf alles, was sie sich zu lange selbst verwehrt hat. Und wenn ich das aushalte, wirklich aushalte, dann begegnen wir uns vielleicht neu. Nicht als Rollen. Sondern als Menschen.
Und wenn nicht, dann lasse ich sie gehen. Mit Achtung. Mit Respekt. Mit einem stillen Danke für den Mut, den ich selbst noch lernen muss.
Joe Turan
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