Viele Menschen fragen mich, wie ich so ruhig bleiben kann, und sie sehen dabei nur die Oberfläche, die Stille, die Gelassenheit, aber nicht das, was in mir lebt, nicht die inneren Kämpfe, die ich führen musste, nicht die Vulkane, die einst alles zerstört haben, die Tornados, die Beziehungen zerrissen haben, oder die Fluten, die Vertrauen mit sich gerissen haben, denn meine Ruhe ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer bewussten Entscheidung, eines täglichen stillen Rituals, das aus Disziplin, innerer Arbeit und transformiertem Schmerz entstanden ist.
Wenn ich antworte, sage ich oft, dass meine Kraft in meiner Stille liegt und dass meine Privatsphäre meine Festung ist, weil in mir noch immer viel passiert, aber ich gelernt habe, das Feuer zu halten, es nicht gegen die Welt zu richten, sondern es zu formen, zu führen und sinnvoll zu nutzen, denn früher war ich das Gegenteil von ruhig, ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem geschrien wurde statt gesprochen, in dem Wut ein Kommunikationsmittel war und Chaos zur Normalität gehörte, und ich kenne Eskalation sehr gut, ich kenne das Gefühl, wenn das Nervensystem übernimmt, wenn man nur noch reagiert und danach Trümmer sieht, wo vorher Verbindung war.
Lange hielt ich das für Stärke, laut zu sein, zu explodieren, Kontrolle durch Reaktion zu zeigen, bis ich begriffen habe, dass das keine Männlichkeit ist, sondern emotionale Unreife, dass echte Stärke nicht im Ausbruch liegt, sondern in Selbstführung, in der Fähigkeit, sich selbst zuerst zu führen, ruhig und beherrscht zu bleiben, nicht weil man Gefühle unterdrückt, sondern weil man sie integriert hat, denn wahre Stärke zeigt sich in Selbstkontrolle und nicht im Kontrollverlust.
Mit der Zeit habe ich gelernt, bestimmte Dinge loszulassen, ich habe aufgehört, mit der Realität zu kämpfen, ich lasse Menschen mich missverstehen, ich muss nicht mehr recht haben, ich renne Dingen nicht mehr hinterher, die mir nicht entgegenkommen, ich höre mehr zu, als ich rede, und ich habe Kraft im Innehalten gefunden, weil Ruhe kein Zustand ist, der einfach erscheint, sondern eine Entscheidung, eine Haltung, ein Muskel, der trainiert werden muss.
Am Anfang fühlt sich dieses Training schwer an, wie beim ersten Besuch im Fitnessstudio, wenn zehn Kilo unmöglich wirken und Trigger unerträglich erscheinen, aber durch Wiederholung verändert sich etwas, nicht weil die Last leichter wird, sondern weil man selbst stärker wird, weil innere Muskulatur entsteht, Widerstandskraft, Stabilität, und die gleichen Trigger plötzlich mit mehr Raum, weniger Drama und mehr Klarheit gehalten werden können, sodass das, was früher Krieg war, heute Atem wird.
Ich habe gelernt, meine Amygdala, den Teil des Gehirns, der Angst verarbeitet und schnelle emotionale Reaktionen auslöst, nicht mehr automatisch das Steuer übernehmen zu lassen, und stattdessen meinen präfrontalen Cortex zu trainieren, präsent zu bleiben, zu reflektieren und bewusst zu wählen, denn das ist kein spiritueller Spruch, sondern Neurobiologie, emotionale Selbstführung ist ein Muskel, und wie jeder Muskel braucht er Übung, Geduld, Fehler und Wiederholung.
Dabei haben mir bestimmte innere Haltungen geholfen, die einfach klingen, aber tägliche Praxis sind: radikale Akzeptanz, die nicht bedeutet, alles gutzuheißen, sondern anzuerkennen, was ist, ohne Widerstand und ohne Drama, weil Widerstand oft der Ursprung von Leid ist; Surrender, nicht als Aufgeben, sondern als Loslassen der Illusion, alles kontrollieren zu müssen; der Gedanke „This too shall pass“, der mich daran erinnert, dass alles Übergang ist; und die stoische Haltung, dass ich handeln soll, wenn ich etwas ändern kann, und loslassen soll, wenn ich es nicht kann.
Diese Haltungen schaffen Klarheit im Sturm, sie geben Raum zwischen Reiz und Reaktion, sie helfen mir, nicht sofort loszurennen, sondern stehen zu bleiben, zu atmen, zu spüren, was wirklich gebraucht wird, und sie erinnern mich daran, dass ich immer wählen kann, ein Gedanke, der sich für mich tief mit den Worten von Viktor Frankl verbindet: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum, und in diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl, und in dieser Wahl liegen Wachstum und Freiheit, Worte, die nicht in einem geschützten Raum entstanden sind, sondern unter extremsten Bedingungen, und gerade deshalb so viel Wahrheit tragen.
Wenn ich heute ruhig bin, dann nicht, weil ich nichts fühle, sondern weil ich alles fühle und gelernt habe, nicht allem zu folgen, was meine Gefühle von mir verlangen, denn meine Ruhe ist Schutz, für mich, für mein Nervensystem, für mein Leben, und sie bedeutet manchmal, Entscheidungen zu treffen, die einen Preis haben, vielleicht den Verlust eines Jobs, einer Beziehung, einer Freundschaft oder eines alten Selbstbildes, aber wenn der Preis für äußeren Frieden innerer Krieg ist, dann ist es kein echter Frieden, sondern Selbstverlust.
Ruhe hat ihren Preis, doch der Krieg mit sich selbst kostet mehr, und deshalb leite ich die Hitze in mir heute anders, ich lenke die Lava in Bahnen, die nähren statt zu zerstören, ich nutze den Sturm als Antrieb und forme aus der Energie, die mich früher zerstört hat, etwas, das trägt.
Und vielleicht beginnt Heilung genau dort, in dem Moment, in dem du den Raum zwischen Reiz und Reaktion entdeckst, in dem du nicht perfekt, nicht sofort, aber Schritt für Schritt lernst zu wählen, zu atmen, zu fühlen und dich selbst zu führen.
Joe Turan
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