Natürlich hast du schon von einem Erste-Hilfe-Set für körperliche Verletzungen gehört. Lass mich dir etwas Wichtigeres fragen.
Hast du jemals von psychologischer Erster Hilfe gehört?
Ich bringe das vielen meiner Klientinnen und Klienten bei, denn wenn ein Trigger einschlägt, kann der Verstand nicht mehr denken. Logik verschwindet und jede Form von Rat wird zu Lärm. In solchen Momenten brauchst du etwas Unmittelbares. Etwas, das dich in deinen Körper zurückholt, wenn dein Nervensystem zusammenbricht. Etwas, das funktioniert, wenn du allein bist und niemand erreichbar ist.
Deshalb bitte ich meine Klientinnen und Klienten, ein kleines psychologisches Erste-Hilfe-Set zu erstellen und immer bei sich zu tragen.
Eine kleine Tasche. Jederzeit erreichbar.
Trigger warten selten auf den richtigen Moment.
Diese Tasche wird zu einem Unterstützungssystem, das du greifen kannst, wenn niemand ans Telefon geht, wenn du auf einer Toilette sitzt, im Auto, im Zug oder allein in deinem Zimmer das Gefühl hast, dass sich die Welt schließt.
Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, tragen tiefe Traumata. Unsichere Familien. Migration. Verlust. Emotionale Vernachlässigung. Beziehungen, die ihr inneres Gleichgewicht zerstört haben. Wenn ein Trigger aktiv wird, meldet der Körper Gefahr. Zittern, Herzrasen, kalte Hände, Tunnelblick, dunkle Gedanken. Das Gefühl, dass es keine Sicherheit mehr auf der Welt gibt.
In solchen Zuständen kannst du dich nicht „herausdenken“.
Du brauchst Anker, die schneller wirken als Gedanken.
Deshalb lehre ich sie, eine kleine Tasche mit sensorischen Tools, Bodenanker-Objekten und farbigen Notizzetteln vorzubereiten. Jede Farbe steht für einen emotionalen Zustand. Die Farben helfen, weil das Gehirn während einer Panikreaktion keine langen Sätze lesen oder Entscheidungen treffen kann. Farbe wird der erste Hinweis. Sie sagt dir, welchen Zettel du greifen sollst, ohne Worte zu brauchen.
So strukturieren wir es:
Roter Zettel
Für Panik, Wut, Gefahr.
Schreibe ein paar stabile Sätze, die du in Sekunden aufnehmen kannst:
• „Stopp. Atme. Im Jetzt bist du sicher.“
• „Dein Körper reagiert auf Erinnerung, nicht auf diesen Moment.“
• „Stell die Füße auf den Boden. Schau etwas Festes im Raum an.“
Kurz, stabilisierend, einfach.
Blauer Zettel
Für Überforderung nach emotionalen Stürmen.
Schreibe Sätze, die das System regulieren:
• „Die Welle bewegt sich bereits durch dich.“
• „Du musst gerade nichts lösen.“
• „Langsam durch die Nase atmen.“
Gelber Zettel
Für Sehnsucht, Trauer, Einsamkeit.
Hier brechen viele ein, weil der Schmerz endlos wirkt.
Schreibe:
• „Vermissen ist kein Gefahrensignal.“
• „Dieses Gefühl wird weicher werden.“
• „Hand auf die Brust legen. Beim Atem bleiben.“
Grüner Zettel
Für Erdung und Rückkehr in den Körper.
Schreibe Anweisungen, keine Reflexionen:
• „Benenne fünf Dinge, die du siehst.“
• „Berühre etwas Kaltes.“
• „Drücke die Füße fest in den Boden.“
Rosa Zettel
Für das innere Kind.
Oft der zärtlichste Bereich.
Schreibe etwas, das du einem verängstigten Kind sagen würdest:
• „Ich bin da.“
• „Du hast nichts falsch gemacht.“
• „Du darfst fühlen.“
Diese Zettel sind entscheidend, weil der Verstand während eines Triggers keinen Zugang zu Erinnerung hat. Deine eigene Handschrift wird zu der Stimme, die dich zurückführt.
Dann kommen die sensorischen Werkzeuge. Ich bitte meine Klientinnen und Klienten, Dinge hineinzulegen, die den Körper ins Jetzt zurückholen. Steine zum Halten. Strukturobjekte zum Bewegen. Kleine Naturkristalle. Alles, was fühlbar ist. Diese heilen das Trauma nicht. Sie unterbrechen die Dissoziation, indem sie das Nervensystem daran erinnern, dass der Körper noch da ist.
Auch Gerüche wirken stark. Das Gehirn reagiert darauf schneller als auf Sprache. Viele nutzen:
• Pfefferminzöl für Panik
• Orangenblüte für Sehnsucht und Trauer
• Lavendel für Erdung
• Eukalyptus oder Zitrone für Klarheit bei Dissoziation
Diese Düfte holen dich zurück in deinen Körper, wenn Denken nicht mehr funktioniert.
Ich sage jedem Menschen:
Dieses Set nimmt dir nicht den Schmerz.
Es verhindert, dass du in ihm untergehst.
Es verhindert den Absturz. Es senkt die Intensität so weit, dass dein Denken zurückkehrt. Erst dann kannst du entscheiden, was du brauchst. Erst dann greifen therapeutische Tools. Erst dann kannst du dich melden und Unterstützung holen.
Viele sagen mir, dass sie sich weniger allein fühlen wegen dieser Tasche. Sie wird zur Erinnerung daran, dass sie ihre eigene Sicherheit vorbereitet haben. Dass sie wichtig sind. Dass ihr Leid Unterstützung verdient statt Scham.
Jedes Objekt darin trägt Bedeutung, weil sie ihm Bedeutung gegeben haben. Deshalb funktioniert dieses Set. Es verbindet sie wieder mit der Version ihrer selbst, die an Heilung geglaubt hat, als sie es gepackt haben.
Deine psychische Gesundheit ist kein Luxus.
Deine Sicherheit zählt.
Dein emotionales Wohlergehen zählt.
Psychologische Erste Hilfe ist Vorbereitung. Eine kleine Sammlung von Werkzeugen, die einen Menschen schützt, bis er sich selbst wieder spüren kann.
Es ist der Moment, in dem du dir selbst sagst:
„Ich werde mich nicht verlassen, wenn mein Leben am schwersten ist.“
Dieses Set hat vielen meiner Klientinnen und Klienten geholfen. Ich hoffe, es hilft auch dir.
Joe Turan
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