Zwei Verhaltensweisen, zwei Bewältigungsmechanismen, mit denen du vielleicht jahrelang gelebt hast, in dem Glauben, sie seien normal, obwohl sie in Wahrheit eine Trauma-Reaktion sind. Maladaptives Tagträumen und Hypersexualität.
Trauma kann sich auf Arten verstecken, die man auf den ersten Blick kaum erkennt. Nicht als Panikattacken oder offensichtliche Zusammenbrüche, sondern als Gewohnheiten, die vertraut wirken, manchmal sogar tröstlich. Muster, die man als Persönlichkeit, Fantasie, Verlangen oder Intensität erklärt. Für viele Menschen waren diese Muster nie eine bewusste Entscheidung. Es waren Anpassungen, eine Überlebensstrategie.
Eines davon lebt im Kopf.
Maladaptives Tagträumen beginnt oft früh, lange bevor es überhaupt Worte für Trauma gibt. Ein Kind, oder später ein Erwachsener, entdeckt, dass die Vorstellungskraft etwas bietet, das die Realität nicht bietet. Kontrolle. Sicherheit. Kohärenz. In diesen inneren Welten laufen Gespräche so, wie sie sollen. Die richtigen Worte kommen im richtigen Moment. Der Körper fühlt sich begehrt. Das Selbst fühlt sich fähig, bewundert, geschützt.
Musik wird zu einem Portal. Ein Bett, ein Fenster, ein stiller Raum wird zur Bühne. Szenen laufen wieder und wieder ab. Streitgespräche werden geprobt. Zukünfte werden so lange umgeschrieben, bis sie erträglich wirken. Beziehungen werden vollständig im Kopf aufgebaut und aufrechterhalten, dort, wo Enttäuschung die Geschichte nicht unterbrechen kann.
Das ist Dissoziation mit einem freundlichen Gesicht.
Das Nervensystem hat gelernt, dass Präsenz zu viel Unsicherheit bedeutet. Emotionale Bedürfnisse wurden nicht erfüllt, missverstanden oder abgewertet. Die Fantasie sprang ein und lieferte, was Verbindung nicht geben konnte. Bestätigung. Zugehörigkeit. Wiedergutmachung. Der Geist tat, was er konnte, um Emotionen zu regulieren, wenn die Umgebung dazu nicht in der Lage war.
Diese innere Flucht bringt Erleichterung. Sie lässt den ursprünglichen Schmerz aber auch unangetastet. Die Geschichte löst sich im Kopf perfekt auf. Der Körper wacht allein auf, mit demselben unerfüllten Bedürfnis. Mit der Zeit wird die Lücke zwischen innerem Reichtum und äußerem Leben schwerer. Die Fantasie tröstet. Die Rückkehr schmerzt.
Eine andere Trauma-Reaktion lebt im Körper.
Hypersexualität ist oft von tiefem Missverständnis und Scham begleitet, sogar in therapeutischen Räumen. Viele Menschen glauben, sie spiegle Verlangen, Selbstbewusstsein, Freiheit oder Appetit. In Wahrheit spiegelt sie oft Regulation.
Nach Trauma, besonders nach Erfahrungen von Grenzverletzung, Vernachlässigung oder Verlust von Handlungsfähigkeit, sucht das Nervensystem nach Intensität, die Schmerz überlagern kann. Sexuelle Erregung bringt starke Empfindungen. Dopamin schärft den Fokus. Endorphine dämpfen emotionalen Druck. Für einen Moment fühlt sich der Körper lebendig an, statt überwältigt.
Sex wird zu einem Weg, Kontrolle zurückzugewinnen. Begegnungen zu initiieren stellt ein Gefühl von Selbstbestimmung wieder her, das einmal genommen wurde. Intensität zu wählen unterbricht Taubheit. Begehrt zu werden ersetzt Unsichtbarkeit. Diese Erfahrungen können kurzfristig regulierend wirken.
Sie lösen jedoch selten das, was sie antreibt.
Hypersexualität kann auch als Dissoziation funktionieren. Aktivität ersetzt Reflexion. Stimulation ersetzt Intimität. Der Körper bleibt beschäftigt, damit die Psyche nicht fühlen muss. Mit der Zeit entstehen Zyklen. Verlangen gefolgt von Scham. Erleichterung gefolgt von Leere. Verbindung suchen ohne Sicherheit. Bindungsmuster, die durch frühe Traumata geprägt wurden, zeigen sich in zwanghaftem Sexualverhalten und beeinflussen Intimität und Vertrauen.
Maladaptives Tagträumen und Hypersexualität haben eine gemeinsame Wurzel. Ein Nervensystem hat gelernt, dass die Realität keine verlässliche Sicherheit, kein echtes Gesehenwerden und keine stabile Regulation bietet. Das System hat kreativ reagiert. Die Fantasie floh nach innen. Sexuelle Intensität floh nach außen.
Keine dieser Reaktionen steht für Schwäche. Sie steht für Intelligenz unter Druck.
Heilung beginnt, wenn diese Verhaltensweisen als Signale verstanden werden und nicht als Fehler. Wenn Neugier Selbstverurteilung ersetzt. Wenn sich die Frage verschiebt von “Warum bin ich so?” zu “Was hat mein System gebraucht, als das begann?”
Der Geist, der Welten baut, sucht Sicherheit und Kohärenz. Der Körper, der Intensität sucht, sucht Regulation und Selbstbestimmung. Beide suchen Entlastung von Zuständen, die einmal nicht auszuhalten waren.
Integration verlangt keine Unterdrückung. Sie verlangt Kapazität. Die Fähigkeit, mit Emotionen präsent zu bleiben, ohne den Körper oder den Moment zu verlassen. Schritt für Schritt. Sanft. Mit Unterstützung.
Wenn Fantasie nicht mehr Abwesenheit kompensieren muss, wird sie zu Kreativität statt Flucht. Wenn Sexualität Schmerz nicht mehr betäuben muss, wird sie zu Verbindung statt Zwang.
Diese Muster verlieren ihre Macht, wenn das Nervensystem durch Erfahrung eine neue Wahrheit lernt. Sicherheit kann heute existieren. Regulation kann in Echtzeit geschehen. Bedürfnisse können erfüllt werden, ohne zu verschwinden.
Viele Menschen haben ihr Leben gelebt und geglaubt, diese Reaktionen seien Eigenheiten oder Charakterzüge. Es waren Überlebensstrategien.
Das zu verstehen verändert alles.
Joe Turan
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