Kokain ist teuer. Elend kostet nichts. Und trotzdem greifen viele Menschen jeden Morgen wieder genau dazu. Sie spritzen sich ihre eigenen Schwierigkeiten in den Kreislauf, weil der Rausch, ein Opfer zu sein, verlässlich ist. Er beruhigt auf eine perverse Weise. Wenn ich ein Problem habe, weiß ich wenigstens, wer ich bin. Dann bin ich der Mann mit dem Problem. Auch das ist Identität. Und Identität gibt Boden.
Tony Robbins nennt Probleme die größte Droge der Welt. Ich habe mit sehr erfolgreichen Männern und Frauen gesessen, die jede Auszeichnung bekommen haben, die diese Gesellschaft zu vergeben hat. Unter Anzügen, Leistung und Anerkennung liegt oft derselbe Schrecken. Es ist nicht zuerst die Angst vor dem Scheitern. Auch nicht einfach die Angst vor Armut. Tiefer darunter sitzt etwas anderes. Diese zitternde, körperliche Angst, im Kern nicht genug zu sein.
Wenn ich nicht genug bin, werde ich nicht geliebt.
Diese Gleichung sitzt tief. Sie ist ins Säugetiergehirn eingebrannt. Evolutionär war Nicht-geliebt-Werden nie bloß ein seelischer Schmerz. Es konnte Ausschluss bedeuten. Kälte. Hunger. Tod. Wenn dieses Gefühl von Wertlosigkeit in der Brust hochkommt, erlebt der Körper das nicht wie einen Gedanken. Es fühlt sich nach Überlebensbedrohung an. Wie innerer Tod.
Das hält kaum jemand lange aus. Also bauen wir etwas darum. Eine Deckgeschichte.
Wir erschaffen Probleme. Wir pflegen sie. Wir polieren sie. Wir tragen sie vor uns her wie Schutzschilde.
Mein ADHS. Meine schwere Kindheit. Meine Angst. Mein offensichtlicher Mangel an Ressourcen.
Daraus wird dann der Grund, warum ich nicht dort bin, wo ich eigentlich sein will. Es wird zur Erklärung für die Leere in mir. Solange ich auf das Problem zeigen kann, muss ich die Leere nicht anschauen. Solange ich das Hindernis beschuldigen kann, muss ich mich nicht mit der härteren Möglichkeit befassen, dass ich vielleicht längst da bin, mit allem, was ich brauche, und trotzdem Angst habe, gesehen zu werden.
Probleme fühlen sich sicher an. Intimität oft nicht.
Wenn ich dir mein Problem zeige, könntest du Mitleid mit mir haben. Du könntest helfen. Das kann sich wie Verbindung anfühlen. Häufig ist es aber nur ihr billiger Ersatz. Es ist Bindung über Verletztheit, weil wir zu viel Angst haben, uns über unsere Kraft zu verbinden. Wenn eine Wunde benutzt wird, um Fürsorge zu bekommen, hat das etwas Manipulatives. Es hält den anderen auf Abstand. Er schaut auf den Schmerz, aber nicht wirklich auf dich.
Wir verstecken uns hinter der Komplexität unserer Kämpfe, weil die Alternative schwerer ist. Dann käme Verantwortung.
Wir müssen wachsen.
Ich meine das nicht moralisch. Ich meine es biologisch. Schau in den Wald. Schau auf deine Zellen. Die Natur kennt keinen Stillstand. In diesem Universum gibt es keine Pausentaste. Etwas dehnt sich aus oder es zieht sich zusammen.
Ich sehe Paare, die mir sagen, sie seien zufrieden. In Wahrheit haben sie sich eingerichtet. Die furchteinflößende Arbeit, sich einander wirklich zu zeigen, wurde irgendwann aufgegeben. Sie halten das für ein Plateau. Ich halte es eher für beginnende Fäulnis.
Wenn eine Beziehung sich nicht vertieft, beginnt sie zu sterben. Man riecht das irgendwann im Schlafzimmer. Man spürt es in der Kälte beim Abendessen und in dem Schweigen, das keiner mehr anfasst.
Wenn deine Arbeit dich nicht mehr dazu auffordert, mehr zu werden als gestern, tötet sie langsam etwas in dir. Stagnation ist ein perfekter Nährboden für Wertlosigkeit. Sobald Bewegung aufhört, kippt etwas. Wasser wird faulig. Dann tauchen die Dämonen auf.
Wir wachsen nicht, um reich zu sein. Wir wachsen auch nicht, um bei Dinnerpartys Eindruck zu machen.
Wir wachsen, weil das Gefäß des Selbst sich ausdehnen muss. Irgendwann ist es voll. Wenn genug Präsenz da ist, genug Kapazität, genug innere Weite, läuft etwas über.
Dort beginnt Sinn.
Er entsteht aus Überfluss.
Du kannst nichts geben, das du nicht hast. Du kannst nicht aus einem Becher einschenken, der durch Risse von unverarbeitetem Trauma und stehender Angst ausläuft. Du wächst, damit irgendwann etwas in dir da ist, das nicht mehr vom Bedürfnis nach Bestätigung verunreinigt ist.
Dann gibst du, weil du voll bist.
Das ist der Punkt, an dem die Stimme leiser wird, die ständig sagt, du seist nicht genug. Nicht durch Theorie. Nicht durch Ablenkung. Durch Wirkung. Durch den erlebten Beweis, dass dein Dasein etwas in einem anderen Menschen bewegt.
Hör auf, dich mit deinen Problemen zu betäuben. Der Rausch trägt nicht weit.
Joe Turan
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