Was sagt es über männliche Sexualität aus, wenn ein Mann Cunnilingus (Oralsex) vermeidet?
Es lohnt sich, das Thema in Schichten anzuschauen, weil selten nur ein Grund dahintersteckt.
Die erste Schicht ist oft Scham vor dem weiblichen Körper. Viele Männer sind in einer Kultur aufgewachsen, in der die Vulva als etwas Unreines, Peinliches oder Geheimes behandelt wurde. Untenrum war Tabu. Menstruation etwas, das man versteckt. Der weibliche Körper als etwas, das parfümiert, rasiert, gereinigt werden muss, bevor er überhaupt gezeigt werden darf. Wenn ein Mann mit dieser Prägung groß wird, trägt er diese Abwehr oft unbewusst mit sich. Das zeigt sich meist als körperliches Zögern, das er selbst nicht ganz versteht. Eine alte Abwehr, die noch mit ihm lebt.
Die zweite Schicht ist Leistungsangst. Beim Geschlechtsverkehr hat der Mann ein klares Skript. Er weiß, was von ihm erwartet wird, er hat ein definiertes Ende. Beim Cunnilingus fehlt dieses Skript. Er bekommt weniger eindeutiges Feedback. Er muss lesen, spüren, reagieren. Das macht viele Männer nervös, besonders die, deren Sexualität stark über "Ich mache etwas richtig" läuft.
Darunter liegt oft eine Kontrollfrage. Cunnilingus bringt den Mann in eine Position, die in den meisten kulturellen Skripten nicht als männlich gilt. Er ist unten. Er dient. Er gibt Tempo und Richtung ab. In dem Moment ist er der, der empfangend gibt. Für Männer, deren Sexualität über Kontrolle funktioniert, ist das ein ungewohnter Ort. Manche meiden ihn, weil sie ihn nicht halten können.
Dann kommt die Frage der Präsenz. Cunnilingus gut zu machen verlangt Anwesenheit. Man kann dabei nicht abwesend sein. Man kann nicht gleichzeitig an anderes denken. Man ist in ihrem Erleben, bei ihrer Erregung, bei ihrem Tempo. Männer mit vermeidendem Bindungsstil oder mit starker Distanzregulation in der Sexualität haben genau hier ein Problem. Nähe, die nicht unterbrechbar ist, wird für ihr System zu viel.
Eine weitere Ebene ist die Beziehung zur weiblichen Lust an sich. Wenn eine Frau beim Cunnilingus tief in ihre Lust geht, ist das oft intensiver, länger, lauter als beim Verkehr. Ihre Lust ist groß, voll, unvorhersehbar und nicht auf ihn zentriert. Für einen Mann, der gewohnt ist, dass Sexualität um seinen Rhythmus kreist, kann das als Bedrohung gelesen werden, obwohl es ein Geschenk ist.
Und da ist noch die rein körperliche Ebene. Geruch, Geschmack, Feuchtigkeit eines echten Körpers. Viele Männer haben ihren Zugang zum weiblichen Körper über Bilder gelernt und sind irritiert, wenn die Realität anders riecht, anders schmeckt, anders aussieht. Das hat mit der konkreten Partnerin oft wenig zu tun. Es ist ein verlorener Kontakt zum echten Körper überhaupt.
Im großen Zusammenhang sagt das alles etwas über unsere männliche Sexualkultur. Die dominante Erzählung von Sex ist phallo-zentrisch. Der Penis im Zentrum, die Vulva als Empfängerort. Weibliche Lust als Zusatz, selten als eigenes Terrain. Ein Mann, der Cunnilingus meidet, lebt oft auch ein kulturelles Drehbuch mit, in dem weibliche Lust nie wirklich als etwas Eigenes ernstgenommen wurde.
Was mich bei meinen Klienten am meisten interessiert, ist die Frage, was die Vermeidung schützt. Meist liegt darunter eine Form von Nähe, Verletzlichkeit oder Hingabe, die in ihm noch keinen Platz gefunden hat.
Joe Turan
🌐 www.joeturan.com
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