Was wäre passiert, wenn das NS-Regime den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte?

Veröffentlicht am 18. September 2026 um 08:28

Was wäre passiert, wenn das NS-Regime den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte?

In einem alternativen Verlauf der Geschichte hätte Berlin im Jahr 2026 Germania geheißen. Nach einem Sieg im Zweiten Weltkrieg hätte Hitler sein großes Bauvorhaben verwirklicht und Berlin in eine Weltmetropole verwandelt. Die Stadt sollte den Sieg des Nationalsozialismus und seine Herrschaft über eine neue Weltordnung verkörpern.

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In diesem Szenario wäre Germania innerhalb von fünf Jahren entstanden, gebaut durch die Zwangsarbeit der Menschen, die das Dritte Reich als seine Feinde betrachtete: Russen, Briten, Franzosen und Angehörige anderer europäischer Völker. Sie hätten die sogenannte Welthauptstadt einer nationalsozialistisch beherrschten Welt errichtet.
Die Architektur hätte römische Säulen mit einer modernen, hell erleuchteten Großstadt verbunden. Eine monumentale Prachtstraße hätte an den Kampf des angeblich arischen Volkes erinnert. An ihrem Ende hätte die Große Halle gestanden, ein Bauwerk von ungefähr dem 17-Fachen der Größe des Petersdoms in Rom, mit einer über 320 Meter hohen Kuppel. Ein Triumphbogen, um ein Vielfaches größer als der Pariser Arc de Triomphe, hätte das „Tausendjährige Reich“ gefeiert. Jeder neue Herrscher hätte dort seinen Treueeid abgelegt und Blumen am Grab Hitlers niedergelegt.

Solche Überlegungen gehören zur alternativen Geschichte. Sie untersucht, wie sich die Vergangenheit bei veränderten Entscheidungen oder Ereignissen hätte entwickeln können. Ihr Ausgangspunkt ist die Frage, was unter anderen Voraussetzungen geschehen wäre.
Die Pläne für Germania waren tatsächlich vorhanden. Sie wurden bereits in den 1930er-Jahren unter der Leitung des Architekten Albert Speer ausgearbeitet. Neben diesen Bauplänen hinterließen die Nationalsozialisten zahlreiche Entwürfe für die Zukunft, die sie nach einem Sieg schaffen wollten.

Nach dem Historiker Thomas Weber war Hitlers zentraler Traum, wie er ihn in „Mein Kampf“ beschrieb, die Eroberung von „Lebensraum“. Gemeint war ein ausreichend großes Gebiet, in dem das angeblich arische Volk mit eigenen Ressourcen versorgt werden konnte. Deutschland sollte wirtschaftlich unabhängig werden und möglichst keinen Handel mit anderen Ländern benötigen. Innerhalb seiner Grenzen sollte eine deutsche Idealwelt entstehen, geschützt durch eine Macht, die ihre Umgebung beherrschte und einen Angriff auf das eigene Land unmöglich machte.
Der Angriff auf die Sowjetunion war aus Hitlers Sicht deshalb das Zentrum seines Vorhabens. Was rückblickend als verhängnisvolle militärische Entscheidung erscheint, entsprach seinem grundlegenden Ziel.

Für den Fall eines Sieges über die Sowjetunion standen bereits Pläne bereit. Der unter Beteiligung Heinrich Himmlers entwickelte „Generalplan Ost“ sollte die eroberten Gebiete in einen Siedlungsraum für etwa zehn Millionen Deutsche verwandeln.
Die Siedler sollten in Grenzdörfern leben und zugleich Bauern und Angehörige einer militärischen Elite sein. Diese SS-Bauern hätten die Grenzen bewacht und in Gebieten wie Lettland, Belarus und der Ukraine deutsche Siedlungsgemeinschaften aufgebaut. Ihre Landwirtschaft sollte vor allem das deutsche Mutterland versorgen. Das Ziel war die Germanisierung der eroberten sowjetischen Gebiete.

Für diese Siedlungsordnung sollten zwischen 30 und 45 Millionen Menschen vertrieben, deportiert oder ermordet werden. Die Nationalsozialisten bezeichneten große Teile der Bevölkerung als „nicht germanisierbar“. Die Planungen enthielten konkrete Anteile: 85 Prozent der Polen, 65 Prozent der Bevölkerung der Westukraine, 75 Prozent der Bevölkerung von Belarus und 50 Prozent der Tschechen sollten entfernt werden.
Etwa 14 Millionen Menschen sollten verbleiben. Für sie war nur eine minimale Schulbildung vorgesehen. Nach Himmlers Vorstellungen sollten sie ihren Namen schreiben und bis 500 zählen können. Ihre Erziehung sollte sie auf die Unterordnung unter die Deutschen beschränken. Ihre Aufgabe wäre gewesen, dauerhaft als Arbeitskräfte für die deutsche Bevölkerung zu dienen.

Eine weitere Maßnahme war die gezielte Aushungerung. Im Mai 1941 wurde der Agrarpolitiker Herbert Backe mit einer Planung befasst, die Deutschlands Bedarf an acht bis zehn Millionen Tonnen Getreide decken sollte. Dazu wollte man die Sowjetunion in landwirtschaftliche Überschussgebiete und Gebiete mit unzureichender eigener Lebensmittelproduktion aufteilen.
Aus fruchtbaren Regionen wie der Ukraine sollten die Ernten nach Deutschland gebracht werden, wodurch der dortigen Bevölkerung die Nahrung entzogen worden wäre. Städte und andere Regionen mit Versorgungsdefiziten, beispielsweise Leningrad, sollten abgeriegelt und sich selbst überlassen werden, bis ihre Einwohner verhungerten.

Die Ermordung von sechs Millionen Menschen durch die Nationalsozialisten dauerte Jahre. Das geplante Vorgehen gegen 30 bis 45 Millionen Menschen hätte ein noch größeres Ausmaß gehabt. Dazu sollte auch die gezielte Aushungerung dienen.
Himmlers dokumentierte Anweisungen an die SS zeigen eine Haltung, nach der das Leben anderer Menschen nur im Hinblick auf ihren Nutzen für Deutschland zählte. Wer als Arbeitskraft gebraucht wurde, sollte ausgebeutet werden. Das Leid der übrigen Bevölkerung war für diese Politik ohne Bedeutung.

Das langfristige Bild war eine riesige deutsche Herrschaftszone, umgeben von einem Ring aus Siedlungen. In den von der SS entworfenen Dörfern sollten schließlich 80 bis 100 Millionen SS-Bauern leben, die das Land bewirtschafteten und militärisch sicherten.
Nach der Eroberung der Sowjetunion hätte Deutschland in diesem Szenario über Nahrungsmittelüberschüsse und die Rohstofffelder des Urals verfügt, um seine Kriegswirtschaft zu versorgen.

Der Historiker Gerhard Weinberg beschreibt in „Visions of Victory“, dass Deutschland mit dieser zusätzlichen Macht seine früheren Kolonien in Afrika hätte zurückgewinnen können. Dabei hätte es sich auf deutschfreundliche Strömungen gestützt, insbesondere in Südafrika. Dort gab es während des Krieges Kräfte, die den Kriegseintritt an der Seite Großbritanniens ablehnten und mit Deutschland sympathisierten. Südafrika hätte deshalb zu einem Zentrum nationalsozialistischen Einflusses auf dem Kontinent werden können.
Auch in Großbritannien existierte eine Strömung, die für einen Frieden mit Hitler eintrat. Nach der Niederlage Frankreichs und einem zusätzlichen deutschen Sieg über die Sowjetunion hätte sich diese Position erheblich verstärken können. Gegen eine derart große Macht weiterzukämpfen, hätte aussichtslos erscheinen können. Ein Frieden unter Anerkennung der deutschen Vorherrschaft wäre dann eine mögliche Folge gewesen.

Als nächster großer Gegenspieler wären die Vereinigten Staaten geblieben. Sie waren durch zwei Ozeane geschützt, verfügten über große natürliche Ressourcen und hatten Kanada und Mexiko als Nachbarn.
1941 wies Hitler die Vorstellung eines Angriffs auf die USA öffentlich als fernliegend und absurd zurück. In internen Überlegungen stellte er eine solche Auseinandersetzung jedoch unter eine andere Voraussetzung: Zunächst müsse Deutschland ganz Europa beherrschen und ein eurasisches Imperium schaffen. Dann könnten ungefähr 400 Millionen Europäer einer amerikanischen Bevölkerung von etwa 130 Millionen gegenüberstehen.

Die Bevölkerungszahl allein hätte einen Sieg allerdings nicht entschieden. Technik, Bewaffnung und die Fähigkeit, den Atlantik zu überwinden, wären ebenso wichtig gewesen.
Deutschland besaß zahlreiche Wissenschaftler; auch Albert Einstein stammte aus Deutschland. 1942 wurde unter Hermann Göring das Projekt „Amerikabomber“ vorangetrieben. Geplant war ein Langstreckenbomber mit einer Reichweite von 7.200 Meilen, der Ziele in den Vereinigten Staaten erreichen sollte. Das Vorhaben wurde nicht verwirklicht, weil der Krieg die deutschen Ressourcen aufzehrte.

Die Fähigkeit, über den Atlantik hinweg Krieg zu führen, gehörte dennoch zu den Zielen Hitlers und Görings. Hätten die Nationalsozialisten ganz Europa beherrscht und dessen Mittel mobilisieren können, hätten sie möglicherweise solche Waffen entwickelt. In diesem hypothetischen Verlauf wäre auch der Bau einer Atombombe denkbar gewesen.
Ein deutscher Atomangriff nach dem Muster von Hiroshima hätte die Vereinigten Staaten nicht vollständig vernichtet, sie aber möglicherweise zu einem Rückzug auf die eigenen Interessen gezwungen. „America First“ war als politische Haltung bereits vor Donald Trump vorhanden. Angesichts eines Atomkrieges hätten die USA eine solche Abschottung wählen können. Ein erfolgreicher nuklearer Angriff hätte den Nationalsozialisten in diesem Szenario eine beherrschende Stellung in der internationalen Politik verschafft.

Die verbrecherischen Absichten der Nationalsozialisten stehen außer Frage. Daraus ergibt sich jedoch nicht automatisch, dass ihre Gegner in jeder Hinsicht moralisch vorbildlich waren. Die Frage bleibt, ob die von den Alliierten geschaffene Ordnung die einzig mögliche oder die beste denkbare Alternative war.
Viele nationalsozialistische Vorhaben griffen auf bereits bestehende europäische Kolonialpraktiken zurück. In „Mein Kampf“ beschrieb Hitler die europäischen Kolonialreiche sinngemäß als Pyramiden: Europa bildete die Spitze, weit entfernte Kolonien in Afrika und Asien die breite Grundlage. Ihre Beherrschung und der Transport ihrer Ressourcen nach Europa erforderten erheblichen Aufwand.

Hitlers Vorstellung war, die Kolonien unmittelbar in Europa anzulegen. Der eroberte „Lebensraum“ sollte an Deutschland angrenzen und unter deutscher Herrschaft stehen.
Bereits 1919 und 1920 äußerte Hitler Bewunderung für die Vereinigten Staaten. Er sah einen riesigen zusammenhängenden Raum, dessen Reichtümer innerhalb der eigenen Grenzen lagen. Das Land schien keine weit entfernten Kolonien zu benötigen.
Auch die Vertreibung und Vernichtung der indigenen Bevölkerung war für ihn ein Vorbild. Beim Siedlerkolonialismus besetzen Eroberer ein Gebiet, verdrängen oder töten dessen Bewohner und siedeln sich an ihrer Stelle an. Die ursprüngliche Bevölkerung wird vertrieben, versklavt oder in abgegrenzte Gebiete gezwungen.
Nach Timothy Snyder betrachtete Hitler die amerikanische Eroberung als beispielhaftes Modell eines Landimperiums. Die Vernichtung der indigenen Bevölkerung bot ihm ein Vorbild für die geplante Eroberung der Sowjetunion.

Thomas Jeffersons Vorstellung von Amerika war ein Reich, in dem eigene Bauern das Land besiedelten und bewirtschafteten. Die indigene Bevölkerung sollte jenseits des Mississippi verdrängt werden oder zugrunde gehen. Darin lässt sich eine Parallele zu Himmlers Plan erkennen, bewaffnete deutsche Bauern auf erobertem Boden anzusiedeln.
Amerikanische Ranger-Einheiten hatten indigene Gemeinschaften mit Gewalt oder durch Hunger vertrieben. Die Nationalsozialisten planten ihrerseits „Judenreservate“ in Sibirien oder auf Madagaskar. Auch diese Vorstellung knüpfte an das amerikanische Reservatssystem an.

Hitler begeisterte sich bereits als Kind für Karl Mays Erzählungen über den amerikanischen Westen. Später empfahl er sie seinen Generälen. In „Mein Kampf“ bewunderte er die Europäer, die auf dem neuen Kontinent die ursprüngliche Bevölkerung verdrängt und sich an ihrer Stelle angesiedelt hatten.
Der Begriff „Lebensraum“ wurde vom deutschen Geografen Friedrich Ratzel geprägt. Seine Entstehung wird mit den Überlegungen des amerikanischen Historikers Frederick Jackson über die Besiedlung des Westens verbunden: Eine als höherwertig dargestellte Bevölkerung beansprucht mehr Land, das von angeblich minderwertigen Bevölkerungsgruppen bewohnt wird.

Nationalsozialistische Generäle bezeichneten die Ostfront in ihren Gesprächen als „Wilden Westen“ und die Russen als „Indianer“. Nach David Cochran betrachtete Hitler die Wolga als Entsprechung des Mississippi. Der Fluss sollte eine Grenze bilden, hinter die die ursprüngliche Bevölkerung verdrängt werden konnte.
Die Vereinigten Staaten hatten genügend Zeit und Macht besessen, um jene Verdrängung und Vernichtung zu vollziehen, die Hitler im Osten plante. Dass die Verbrechen an der indigenen Bevölkerung in der Geschichtserzählung an den Rand gedrängt wurden, bestärkte ihn nach dieser Deutung in der Annahme, auch die Ermordung von Millionen Menschen könne später in Vergessenheit geraten. Einige Quellen schreiben ihm in diesem Zusammenhang die Frage zu: „Wer erinnert sich noch an die Indianer?“
1935 erließen die Nationalsozialisten die Nürnberger Gesetze. Sie definierten Menschen nach rassistischen Kriterien als jüdisch und schlossen sie aus der gleichberechtigten Staatsbürgerschaft aus.

In „Hitler’s American Model“ beschreibt James Q. Whitman, wie amerikanische Rassengesetze den Nationalsozialisten als Vorbild dienten. Er charakterisiert die Vereinigten Staaten des frühen 20. Jahrhunderts als eine führende Macht rassistischer Rechtsordnung. Dazu gehörten ethnische Bevorzugung, die Jim-Crow-Gesetze und die rechtliche Trennung von Bevölkerungsgruppen.
Auch der Entzug beziehungsweise die Verweigerung voller Staatsbürgerrechte hatte amerikanische Vorbilder. Menschen auf den Philippinen und Angehörigen der indigenen Bevölkerung wurden solche Rechte vorenthalten, obwohl sie unter amerikanischer Herrschaft lebten.

Die Nationalsozialisten suchten außerdem nach rechtlichen Kriterien, mit denen sie Juden von anderen Deutschen unterscheiden konnten. In den Vereinigten Staaten fanden sie Gesetze gegen Ehen zwischen Menschen unterschiedlicher rassistischer Zuordnung. Diese Gesetze legten im Detail fest, wer als schwarz, asiatisch oder einer anderen als minderwertig angesehenen Gruppe zugehörig galt. Manche dieser amerikanischen Regelungen wurden sogar als strenger beschrieben als ihre nationalsozialistischen Entsprechungen.

Die amerikanische Rassentrennung bestand auch während des Krieges gegen den Nationalsozialismus fort. Schwarze Soldaten, die zur Befreiung Europas beitrugen, dienten in getrennten Einheiten und wurden zunächst vor allem für nachgeordnete Aufgaben wie Kochen oder Erdarbeiten eingesetzt. Der Zugang zu bewaffneten Kampfaufgaben wurde ihnen verwehrt. Schwarze Soldaten wurden außerdem als Blutspender für verwundete weiße Soldaten eingesetzt.
Nach dem Historiker Matthew Delmont wurden etwa 1,2 Millionen Afroamerikaner unter Bedingungen eingezogen, die er als sklavenähnlich beschreibt. Sie waren rassistischen Beleidigungen und Erniedrigungen ausgesetzt und erhielten weder als Soldaten noch als Menschen die ihnen zustehende Anerkennung.

Der schwarze Soldat James Thompson stellte die Frage: „Soll ich mein Leben opfern, um als halber Amerikaner zu leben?“
Mit den steigenden Verlusten sah sich die US-Armee gezwungen, schwarze Soldaten stärker zu bewaffnen und an den Fronten einzusetzen. Trotz der Diskriminierung erbrachten sie große Leistungen und brachten erhebliche Opfer in den verschiedenen Teilstreitkräften.
Nach dem Angriff auf Pearl Harbor unterzeichnete der demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt am 19. Februar 1942 die Executive Order 9066. Die darauf beruhende Politik führte dazu, dass Menschen japanischer Herkunft in den Vereinigten Staaten als mögliche Spione in Lagern festgehalten wurden, darunter auch amerikanische Staatsbürger. Individuelle Beweise waren dafür nicht erforderlich.

Etwa 120.000 japanischstämmige Menschen mussten ihr Eigentum und ihre Häuser innerhalb kürzester Zeit zu niedrigen Preisen verkaufen. Viele wurden zunächst in Vieh- und Pferdestallanlagen untergebracht und anschließend in zehn Internierungslager in abgelegenen Gebieten transportiert. Dazu gehörten Orte mit extremen klimatischen Bedingungen, etwa in Arizona.
Die Lager waren von Stacheldraht umgeben. Die Wachen hatten den Befehl, auf Fliehende zu schießen. Unruhen wurden mit Gewalt und Tränengas beantwortet.
Diese Internierung dauerte von 1942 bis 1945. Eine offizielle Entschuldigung durch den Kongress erfolgte erst 43 Jahre nach Kriegsende.
Die nationalsozialistischen Hungerpläne lassen sich auch mit britischer Kolonialpolitik vergleichen. Über ungefähr zwei Jahrhunderte, vom 18. bis ins 20. Jahrhundert, entzog Großbritannien Indien und Bengalen große Mengen an Ressourcen. Ihr Wert wird auf Billionen Dollar beziffert. Diese Reichtümer trugen wesentlich zum Aufbau der britischen Infrastruktur und zur wirtschaftlichen Grundlage des Empire bei.

Gleichzeitig lag die jährliche Getreidemenge pro Kopf in Indien zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter 210 Kilogramm. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war sie auf 157 Kilogramm gesunken.
Während des Krieges stationierten Großbritannien und die USA Truppen in Bengalen, um von dort aus gegen Japan vorzugehen. Die Kosten der alliierten Aktivitäten in der Region sollten aus indischen Ressourcen finanziert werden.
Eine direkte Besteuerung wohlhabender Inder hätte nur eine kleine Bevölkerungsgruppe erfasst. Die Besteuerung der zahlreichen Armen hätte deren ohnehin schwierige Versorgung verschärft und Unruhen auslösen können. Stattdessen druckte die Kolonialregierung große Mengen Geld. Die dadurch ausgelöste Inflation ließ die Preise für Waren wie Reis um 300 Prozent steigen, während die Löhne unverändert blieben.

Für viele Menschen in Bengalen wurden Lebensmittel damit unerschwinglich. Sie mussten ihren Verbrauch einschränken. Inflation wirkte hier wie eine verdeckte Steuer: Durch die Ausweitung der Geldmenge sank die Kaufkraft der Bevölkerung, ohne dass der Staat ihr unmittelbar Geld abnehmen musste.
Die Kaufkraft verlagerte sich zu den ausländischen Truppen und den Alliierten, die weiterhin Waren erwerben konnten. Für die einheimische Bevölkerung blieb entsprechend weniger übrig.
Nach der indischen Ökonomin Utsa Patnaik hätten die britische und die amerikanische Regierung die alliierten Operationen in der Region finanzieren können, wenn sie von ihren eigenen Bürgern jeweils ein Pfund Sterling erhoben hätten. Stattdessen wurde die Belastung der Kolonie auferlegt.
Als Verantwortliche in Indien Churchill auf die Hungersnot hinwiesen, führte er sie auf das Bevölkerungswachstum zurück. Ihm werden die rassistische Bezeichnung der Inder als „widerwärtige Rasse“ sowie die Aussage zugeschrieben, sie vermehrten sich „wie Kaninchen“. Auch die Bemerkung, Gandhi wäre bei einer wirklichen Hungersnot längst gestorben, wird ihm zugeschrieben.

Die Hungersnot in Bengalen forderte etwa drei Millionen Menschenleben. Diese Zahl wird als ungefähr doppelt so hoch wie die gemeinsamen zivilen und militärischen Kriegsverluste Großbritanniens und der USA angegeben. Die These lautet, dass die Hungersnot bewusst herbeigeführt und von Churchill gebilligt worden sein könnte. 1945 wurde Churchill dennoch für den Friedensnobelpreis nominiert, den er nicht erhielt.
Die zugrunde liegende Kritik betrifft auch den ungleichen Stellenwert von Opfern: Das Leid weißer Menschen werde erinnert und über Generationen gewürdigt, während das Leid nichtweißer Menschen deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalte.
Bereits ungefähr vier Jahrzehnte vor dem Holocaust verübte Deutschland im heutigen Namibia einen Völkermord. Als Größenordnung werden etwa 70.000 Tote bei einer betroffenen Bevölkerung von rund 100.000 Menschen genannt, also ungefähr 70 Prozent.

Menschen wurden in Zwangsarbeitslager gebracht, in denen Tausende starben. Schädel der Getöteten wurden nach Deutschland transportiert und für Untersuchungen verwendet, die eine angebliche Überlegenheit der weißen Bevölkerung nachweisen sollten.
Erst 2021 erkannte Deutschland die Verbrechen als Völkermord an. Diese Anerkennung wurde jedoch nicht mit einer rechtlichen Verpflichtung zu Entschädigungszahlungen an Namibia verbunden. 2024 kritisierte Namibias Präsident Deutschland wegen dessen Unterstützung Israels im Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof zu Gaza, während die Opfer des deutschen Kolonialverbrechens weiterhin auf Entschädigung warteten.

Auch die Gewalt unter belgischer Herrschaft im Kongo gehört zu dieser Geschichte. Die Zahl der Opfer wird mit mehreren zehn Millionen angegeben. Trotz dieses Ausmaßes erhalten die Verbrechen vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit.
In „Dialektik der Ordnung“, seinem Buch über Moderne und Holocaust, beschreibt Zygmunt Bauman die Neigung, den Nationalsozialismus als Fremdkörper innerhalb der westlichen Zivilisation zu betrachten. Nach diesem Selbstbild war er eine krankhafte Abweichung, die rechtzeitig beseitigt werden konnte.

Baumans Einwand lautet, dass der Holocaust möglicherweise eine Seite dieser Zivilisation selbst offenlegt. Er lässt sich demnach nicht ausreichend als ein von außen eingedrungener Ausnahmezustand erklären.
Hannah Arendt zufolge hilft Antisemitismus zu verstehen, warum gerade Juden zu Opfern wurden. Er erklärt jedoch für sich genommen nicht die Form des Verbrechens: die organisierte Vernichtung einer ganzen Bevölkerungsgruppe durch eine übermächtige Herrschaft. In dieser Deutung ist die Vorstellung, ganze Menschengruppen auszulöschen, tief in der Geschichte der westlichen Zivilisation verankert.
Auch die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts enthielt Widersprüche. Kant, Hume und Voltaire vertraten Ideen von Vernunft und Freiheit, die zur Französischen Revolution und zur Entwicklung moderner Verfassungen beitrugen. Zugleich waren Vorstellungen von Gleichheit vielfach an rassistische Rangordnungen gebunden.

Kant sprach bestimmten Bevölkerungsgruppen die Fähigkeit ab, Freiheit und Zivilisation auf gleiche Weise hervorzubringen. Er beschrieb indigene Amerikaner als leidenschafts- und gefühlsarm, schwarze Menschen dagegen als besonders gefühlsbetont und weniger intelligent. Durch Disziplinierung und körperliche Strafen könnten sie seiner damaligen Auffassung nach zu geeigneten Dienern gemacht werden. Er behandelte diese Zuschreibungen als angeborene und unveränderliche Eigenschaften.
Hume behauptete eine von Natur aus gegebene Unterlegenheit schwarzer Menschen gegenüber weißen. Voltaire verglich Afrikaner mit Tieren und sprach ihnen Intelligenz ab.

Solche Vorstellungen lieferten eine Rechtfertigung dafür, anderen Völkern die Verfügung über ihre eigenen, rohstoffreichen Gebiete zu entziehen. Weiße Europäer sahen sich als diejenigen, die die Welt ordnen, belehren, bekehren und zivilisieren sollten. Die kolonisierten Menschen sollten für diese angebliche Leistung dankbar sein.
Diese Haltung ist mit dem Ausdruck „Die Bürde des weißen Mannes“ verbunden. Er stammt aus einem Gedicht Rudyard Kiplings, des Autors des „Dschungelbuchs“. Darin wird die koloniale Expansion des Westens und der USA als anspruchsvolle, angeblich selbstlose Aufgabe gegenüber anderen Völkern dargestellt.
Die Kritik lautet, dass die Nationalsozialisten solche kolonialen und rassistischen Praktiken auf europäische Bevölkerungen anwandten. Die siegreichen Mächte konnten anschließend mitbestimmen, welche Gewalt als Verbrechen erinnert wurde und wie moralische Kategorien in der Nachkriegsordnung definiert wurden. Aus dieser Perspektive wirft die Bestrafung der Nationalsozialisten auch die Frage auf, welche Rolle ihre Niederlage für die Möglichkeit ihrer strafrechtlichen Verfolgung spielte.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Ordnung beruht auf weitreichenden Grundsätzen: universelle Menschenrechte unabhängig von Herkunft, das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie internationale Gerichte und Regeln. Die formale Gleichheit bedeutet jedoch nicht, dass alle Staaten über dieselben Mittel verfügen, um ihre Rechte durchzusetzen.
Wirtschaftliche Sanktionen wurden zu einem wichtigen Instrument dieser Ordnung. In den 1970er-Jahren verhängten Europa und die USA einseitige Sanktionen gegen etwa 15 Länder. Um die Jahrtausendwende waren es etwa 30, nach 2020 ungefähr 60. Die meisten lagen im Globalen Süden, also unter den wirtschaftlich weniger entwickelten Staaten Asiens, Afrikas und Südamerikas.

Peter Kornbluh beschreibt solche Maßnahmen als eine Art unsichtbare Blockade. Die Sanktionen gegen den Irak in den 1990er-Jahren führten zu Mangelernährung sowie Engpässen bei Wasser, Strom und Medikamenten. Ihre Wirkung konnte damit der einer Belagerung ähneln, bei der die Bevölkerung über längere Zeit geschwächt wird.
In einem Dokument des amerikanischen Außenministeriums zur Politik gegen Castros Kuba wird das Ziel beschrieben, Hunger und Verzweiflung hervorzurufen und die Regierung zu stürzen.

Auch gegenüber Chile wurde wirtschaftlicher Druck eingesetzt. 1970 verlangte Richard Nixon angesichts der sozialistischen Ausrichtung Salvador Allendes, die chilenische Wirtschaft „zum Schreien“ zu bringen. Sanktionen konnten damit als Waffe gegen Regierungen dienen, die amerikanischen wirtschaftlichen Interessen widersprachen, und unmittelbar die Lebensbedingungen der Bevölkerung treffen.
Laut einer 2025 in „The Lancet Global Health“ veröffentlichten Studie hätten amerikanische und europäische Sanktionen innerhalb von ungefähr 50 Jahren insgesamt annähernd doppelt so viele Todesfälle verursacht wie die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Außerdem wird ihnen seit 2012 der Tod von einer Million Kindern zugerechnet.

Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen hängt mit der Stellung der USA und Europas im Weltwirtschaftssystem zusammen. Dollar und Euro sind wichtige Reservewährungen. Hinzu kommen internationale Zahlungssysteme wie SWIFT und zentrale Kommunikationsinfrastrukturen. Wer von diesen Systemen ausgeschlossen wird, kann wirtschaftlich weitgehend isoliert werden.
China entwickelt deshalb eigene Infrastrukturen wie das Satellitensystem BeiDou und das internationale Zahlungssystem CIPS. Sie sollen die Abhängigkeit verringern und einen gewissen Schutz vor äußerem Druck schaffen.
Auch innerhalb der bestehenden Weltwirtschaft werden Millionen Menschen unter Zwang ausgebeutet. Ein 2022 veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen beziffert die Zahl der Menschen in moderner Sklaverei auf ungefähr 50 Millionen. Rund 28 Millionen davon befinden sich in Zwangsarbeit.

Der Begriff bezeichnet tatsächlichen Zwang: Menschen müssen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten oder werden daran gehindert, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Es handelt sich nicht bloß um eine bildliche Bezeichnung für unbefriedigende Beschäftigung.
Die Gewinne derjenigen, die von dieser Ausbeutung profitieren, werden als 30-mal höher beschrieben als die Gewinne eines Sklavenhändlers, der im transatlantischen Sklavenhandel Afrikaner nach Amerika verschiffte. Etwa 16 Millionen Betroffene werden dem privaten Wirtschaftssektor zugerechnet. Sie arbeiten unter anderem in der Herstellung von Kleidung und Elektronik oder beim Anbau und der Ernte von Kaffee.

Globale Lieferketten verteilen die Produktion auf mehrere Länder. Ein Unternehmen bezieht Rohstoffe aus einem Land, lässt sie in einem anderen verarbeiten und verkauft das fertige Produkt in einem dritten. Standorte mit schwachen Arbeitnehmerrechten können dabei gezielt gewählt werden, um die Kosten zu senken. Diese Produktionsweise prägt viele Bereiche, darunter Kleidung, Haushaltsgeräte, Autos und Mobiltelefone.
Die G20-Staaten importieren jährlich Waren im Wert von ungefähr 468 Milliarden Dollar, bei denen ein Risiko besteht, dass sie unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellt wurden.

Ein Bericht von China Labor Watch beschreibt für die iPhone-Produktion Arbeitszeiten von 75 Stunden pro Woche, also etwa zehn Stunden täglich ohne freies Wochenende. Ungefähr die Hälfte der Beschäftigten seien zeitweilig über Vermittlungsagenturen eingestellt.
Diese Vermittlungsstruktur erschwert die Durchsetzung von Rechten. Das Unternehmen verweist Beschäftigte an die Agentur, die Agentur verweist sie zurück an das Unternehmen. Verantwortung wird weitergereicht, ohne dass die Betroffenen eine wirksame Anlaufstelle erhalten.
Während über Apple-Investitionen von 600 Milliarden Dollar in den USA berichtet wird, erhalten die Arbeitsbedingungen in der Produktion deutlich weniger Aufmerksamkeit. Beschrieben werden das Einatmen giftiger Stoffe, fehlender Schutz, extrem lange Arbeitszeiten und zurückgehaltene Löhne. Werden Löhne absichtlich verspätet ausgezahlt, können Beschäftigte daran gehindert werden, das Unternehmen zu verlassen, insbesondere in Zeiten hohen Produktionsdrucks.
Auch Arbeiten unter Strahlenbelastung, in Bergwerken oder mit gefährlichen Chemikalien können schwere körperliche Schäden verursachen, etwa eine Lungenfibrose. Manche Tätigkeiten zerstören die Gesundheit bereits innerhalb weniger Jahre.

Die heutige Welt hat sich in vieler Hinsicht verbessert. Die bestehende Ordnung kann auch deutlich besser sein als eine fortgesetzte nationalsozialistische Herrschaft. Dennoch bleibt sie verbesserungsbedürftig.
Ausbeutung ist heute häufig in komplizierte Unternehmens- und Wirtschaftsstrukturen eingebettet. Ihre Verantwortlichen lassen sich schwerer benennen und zur Rechenschaft ziehen. Die Vielzahl an Vermittlern und Zuständigkeiten erschwert Veränderungen. Die Welt vor dem Zweiten Weltkrieg war keine Dystopie, und die Welt danach wurde keine Utopie.

Am 20. Januar 2026 bezeichnete der kanadische Premierminister Mark Carney die Nachkriegsordnung in einer Rede in Davos als eine nützliche Fiktion. Die amerikanische Vorherrschaft habe Globalisierung, offene Handelswege und ein stabiles Finanzsystem ermöglicht. Zugleich sei die große Lücke zwischen den erklärten Grundsätzen und ihrer tatsächlichen Anwendung lange nicht offen anerkannt worden. Nun sei diese Ordnung an ihr Ende gekommen, während die Vereinigten Staaten einen immer umfassenderen Machtanspruch erhoben.
Carneys Rede stand im Zusammenhang mit Donald Trumps zweiter Präsidentschaft und dessen Ansprüchen auf Kanada, Grönland und Panama. Hinzu kamen Aussagen gegenüber NATO-Mitgliedern, die amerikanischen Schutz vor Russland von höheren Zahlungen abhängig machten.

Der Historiker Peter Hayes vergleicht Trumps Führungsweise mit derjenigen Hitlers. Er zieht dabei eine Parallele zwischen Trumps territorialen Forderungen und Hitlers Anspruch auf „Lebensraum“. Trump wird außerdem die Äußerung zugeschrieben, er wünsche sich Generäle wie diejenigen Hitlers, die seine Befehle widerspruchslos ausführten.
Neben dem Militär spielen Medien und große Vermögen eine Rolle. Personen wie Jeff Bezos und Elon Musk verfügen über wirtschaftliche und mediale Macht, die politische Herrschaft unterstützen kann.
Timothy Ryback verweist auf Hitlers Bündnis mit Alfred Hugenberg, einem Medienunternehmer mit Einfluss auf etwa 1.600 Zeitungen. Er beschreibt ihn als eine Art Elon Musk der damaligen Zeit. Trotz gegenseitiger Abneigung habe die gemeinsame Feindschaft gegenüber der Demokratie beide verbunden. Dahinter steht die These, dass vermögende Eliten politische Bündnisse unterstützen, wenn diese niedrigere Steuern und weniger demokratische Beschränkungen versprechen.

Zur Kritik an Trumps Politik gehören öffentlich erhobene territoriale Ansprüche, die Entführung des Präsidenten eines unabhängigen Staates und der mögliche Zugriff auf venezolanisches Öl. Ebenso genannt werden finanzielle Forderungen an die NATO und Verhandlungen mit der Ukraine über seltene Rohstoffe als Gegenleistung für Schutz vor Putin.
Im Inneren führt die Einwanderungsbehörde ICE Einsätze durch und schiebt Migranten ab. Trump bezeichnete Einwanderer als Menschen, die das Blut Amerikas vergifteten. Minnesotas Gouverneur Tim Walz nannte ICE eine amerikanische Gestapo.
Auf die Frage eines Journalisten, was ihn begrenzen könne, antwortete Trump mit dem Hinweis auf seine eigene Moral. Zum Völkerrecht erklärte er: „Ich brauche das Völkerrecht nicht.“
Diese Entwicklungen finden in einer Zeit statt, in der mehr Informationen, Aufnahmen und Dokumentationen verfügbar sind als je zuvor. Dennoch können selbst Bilder vom Tod Tausender Menschen als künstlich erzeugt abgetan werden. In einer solchen Welt verlieren überprüfbare Informationen gegenüber der Macht und dem Einfluss derjenigen an Gewicht, die die öffentliche Wahrnehmung bestimmen.

Eine düstere Welt muss nicht die sichtbare Gestalt einer nationalsozialistischen Siegesordnung annehmen. Gewalt kann langsamer und weniger auffällig wirken und dabei in internationale Regeln und wirtschaftliche Strukturen eingebettet sein, deren Folgen große Teile des Globalen Südens treffen.
Im Zusammenhang mit Baumans Überlegungen zu Moderne und Holocaust steht ein Begriff, den Giorgio Agamben aus dem römischen Recht aufgreift: der „Homo sacer“. Gemeint ist ein Mensch, dessen Tötung nicht bestraft wird, weil er aus dem geltenden rechtlichen und moralischen Schutz ausgeschlossen ist.
Agamben beschreibt, wie Herrschaft einen Ausnahmezustand schaffen kann. Ein Einzelner, ein Volk oder eine ganze Bevölkerungsgruppe kann dadurch zu Menschen erklärt werden, für die der gewöhnliche Schutz des Rechts nicht mehr gilt.

Die Nationalsozialisten betrachteten sich selbst als zivilisiert und erklärten Juden zur Ausnahme, deren Leben ungestraft vernichtet werden durfte. Die westliche Zivilisation behandelte wiederum den Nationalsozialismus und den Holocaust als Ausnahme innerhalb einer ansonsten fortschreitenden Geschichte von Aufklärung, Wissenschaft und Kultur.
Die Kritik daran lautet, dass sich solche Ausnahmen so häufig wiederholen, dass sie selbst Teil der Regel werden. Der Westen, die Vereinigten Staaten oder jede andere Macht mit übermäßiger Herrschaft handeln nach Interessen. Geraten diese Interessen mit moralischen Grundsätzen oder dem Völkerrecht in Konflikt, kann ein Ausnahmezustand geschaffen werden, in dem eine Bedrohung beseitigt wird. Danach wird das eigene zivilisierte Selbstbild wiederhergestellt.
Auch Staaten, die sich als besonders zivilisiert verstehen, können Menschen durch Sanktionen oder Krieg töten oder wegsehen, während die zwei Millionen Menschen in Gaza der Vernichtung ausgesetzt werden. Die Betroffenen werden in dieser Logik zu Menschen, deren Leben keinen wirksamen Schutz mehr genießt.

Selbst wenn westliche Regierungen Jahre später anerkennen sollten, dass diese Menschen Opfer eines Völkermords waren, könnten sie die betreffende Zeit wiederum als außergewöhnlichen Irrweg beschreiben. Das Verbrechen würde als Abweichung von einer grundsätzlich zivilisierten Ordnung eingeordnet.

So kann ein Mensch in einer Welt, die sich auf Vernunft und Recht beruft, plötzlich jeden Schutz verlieren. Nach seiner Vernichtung bleibt er möglicherweise nur als bedauerlicher Ausnahmefall in einer ansonsten als erfolgreich erzählten Geschichte von Wissen und Zivilisation zurück.

Joe Turan
🌐 www.joeturan.com

Quellen

  1. CIAO / Columbia University – wissenschaftliche Publikation zu Geschichte, Politik und internationaler Ordnung
    https://ciaotest.cc.columbia.edu/journals/jomass/v14i1/f_0025241_20620.pdf

  2. The Simons Center – Ethics Symposium 2019: historische und ethische Perspektiven auf Krieg und politische Macht
    https://thesimonscenter.org/wp-content/uploads/2019/10/Ethics-Symp-2019-p111-128.pdf

  3. JSTOR Daily – Wie Hitler die amerikanische Presse für seine Zwecke nutzte
    https://daily.jstor.org/how-hitler-played-the-american-press/

  4. GW2RU – Was Hitler mit der sowjetischen Bevölkerung geplant hatte, falls Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte
    https://www.gw2ru.com/history/2799-what-did-hitler-plan-to-do-ussr/amp

  5. HistoryNet – Was wäre geschehen, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte?
    https://historynet.com/hitler-won-world-war-ii/

  6. War History Online – Hitlers Pläne für eine neue Weltordnung nach einem deutschen Sieg im Zweiten Weltkrieg
    https://www.warhistoryonline.com/instant-articles/hitlers-plans-for-a-new-world.html

  7. HISTORY – Wie die nationalsozialistische Rassenpolitik teilweise von den amerikanischen Jim-Crow-Gesetzen beeinflusst wurde
    https://www.history.com/articles/how-the-nazis-were-inspired-by-jim-crow

  8. AAIHS / Black Perspectives – Die globale Ausbreitung amerikanischer rassistischer Ausschlussmodelle
    https://www.aaihs.org/the-globalization-of-american-racial-exclusion/

  9. Waging Nonviolence – Wie Hitler in der amerikanischen Expansion nach Westen ein Vorbild für ein deutsches Imperium sah
    https://wagingnonviolence.org/2020/10/hitler-found-blueprint-german-empire-in-the-american-west/

  10. Get.factual – Dokumentation: Was wäre passiert, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte?
    https://www.youtube.com/watch?v=vm_uRc2aVNY

  11. Grunge – Wie die Welt möglicherweise ausgesehen hätte, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte
    https://www.grunge.com/733504/is-this-what-the-world-would-look-like-if-hitler-had-won/

  12. IFLScience – „Germania“: Hitlers geplante monumentale Hauptstadt für das Dritte Reich
    https://www.iflscience.com/germania-hitlers-dream-for-his-third-reich-capital-megacity-69011

  13. WhiteMAD – Die „Große Halle“: Hitlers architektonischer Plan für eines der größten Gebäude der Welt
    https://www.whitemad.pl/en/the-great-hall-berlins-architectural-dream-of-the-worlds-largest-building/

  14. Al Jazeera – Deutschlands Kolonialverbrechen und der Völkermord in Namibia
    https://www.aljazeera.com/features/longform/2022/11/6/reckoning-with-genocide-in-namibia

  15. The Conversation – Deutschlands Völkermord in Namibia und die Kritik am Abkommen zwischen Deutschland und Namibia
    https://theconversation.com/germanys-genocide-in-namibia-deal-between-the-two-governments-falls-short-of-delivering-justice-246719

  16. ResearchGate – Aufklärung, europäische Ideen und Kolonialismus
    https://www.researchgate.net/publication/367347388_Enlightenment_Ideas_and_Colonialism

  17. The Guardian – Studie über den Einfluss der britischen Politik unter Winston Churchill auf die Hungersnot in Bengalen 1943
    https://www.theguardian.com/world/2019/mar/29/winston-churchill-policies-contributed-to-1943-bengal-famine-study

  18. New Internationalist – Die Rolle der britischen Kolonialherrschaft bei der Hungersnot in Bengalen
    https://newint.org/features/2021/12/07/feature-how-british-colonizers-caused-bengal-famine

  19. The National Interest – Hitlers „Amerikabomber“-Projekt und die Idee, New York von Deutschland aus zu bombardieren
    https://nationalinterest.org/blog/reboot/hitlers-amerikabomber-project-bombing-new-york-germany-185050

  20. DW News – Beitrag über von Historikern diskutierte Parallelen zwischen politischen Entwicklungen unter Donald Trump und dem Aufstieg des Nationalsozialismus
    https://www.youtube.com/watch?v=bKgPzDctPM8

  21. Al Jazeera – Beitrag über eine Studie zu den menschlichen Folgen von Sanktionen der USA und der Europäischen Union seit 1970
    https://www.aljazeera.com/opinions/2025/9/3/us-and-eu-sanctions-have-killed-38-million-people-since-1970

  22. Walk Free – Bericht über moderne Sklaverei und das gefährdete UN-Ziel, moderne Sklaverei bis 2030 zu beenden
    https://www.walkfree.org/news/2025/un-2030-goal-to-end-modern-slavery-at-risk-of-being-missed-as-exploitation-risks-rise/

  23. The Guardian – Moderne Sklaverei: Warum weltweit weiterhin Millionen Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen leben
    https://www.theguardian.com/news/2019/feb/25/modern-slavery-trafficking-persons-one-in-200

  24. AppleInsider – Bericht über Vorwürfe problematischer Arbeitsbedingungen bei der iPhone-Produktion in China
    https://appleinsider.com/articles/25/09/26/iphones-still-being-made-in-china-under-sweatshop-conditions-watchdog-alleges

  25. Amnesty International – Kinderarbeit hinter Rohstoffen für Smartphone- und Elektroauto-Batterien
    https://www.amnesty.org/en/latest/news/2016/01/child-labour-behind-smart-phone-and-electric-car-batteries/

  26. France 24 – Welche Parallelen Historiker zwischen der Trump-Regierung und dem NS-Regime diskutieren
    https://www.france24.com/en/americas/20250307-what-parallels-do-historians-see-between-the-trump-administration-and-the-nazi-regime

  27. The Guardian – Bericht über ein Trump-Video, in dem der Begriff „Unified Reich“ auftauchte
    https://www.theguardian.com/us-news/article/2024/may/21/donald-trump-video-unified-reich

  28. The Conversation – Warum Vergleiche zwischen ICE und der Gestapo historisch und politisch problematisch sein können
    https://theconversation.com/comparing-ice-to-the-gestapo-reveals-peoples-fears-for-the-us-a-holocaust-scholar-explains-why-nazi-analogies-remain-common-yet-risky-260767

  29. The New York Times – Beitrag zu Donald Trumps Aussage, die Grenze seiner globalen Macht sei seine „eigene Moral“
    https://www.youtube.com/watch?v=ysZJUjhnt3M

  30. ABS-CBN News – Donald Trump über die NATO und die Verteidigung von Mitgliedstaaten, die seiner Ansicht nach nicht ausreichend zahlen
    https://www.youtube.com/watch?v=3ylqyQrRt6s

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