Ich höre oft Sätze wie "Ich bin süchtig nach Sex", und meistens höre ich darin etwas anderes. Ich höre einen Körper, der keinen anderen schnellen Weg mehr kennt, um aus Druck, Leere oder innerer Unruhe herauszukommen. Für einen Moment wird es eng im System, dann kommt der Impuls, dann die Handlung, dann diese kurze Entlastung. Genau dort bindet es sich fest.
An solchen Bewegungen interessiert mich weniger der Akt als das, wovor er schützt. Ich sehe Männer, die im Außen funktional wirken und innerlich kaum ertragen, was auftaucht, sobald es still wird. Kaum jemand hat ihnen beigebracht, im Kontakt mit sich zu bleiben, wenn Scham hochkommt, wenn Bedürftigkeit spürbar wird, wenn im Brustraum diese alte Mischung aus Sehnsucht und Alarm auftaucht. Also greift der Körper zu dem, was schnell wirkt: Intensität, Reibung, Entladung.
Von außen wird das schnell Sexualität genannt. Ich würde es genauer beschreiben: ein Regulationsversuch mit sexuellen Mitteln. Da ist Lust, da ist Trieb, Phantasie, Jagd. Aber darunter liegt häufig etwas viel Nüchterneres. Ein Mensch versucht, einen Zustand loszuwerden, den er innerlich nicht halten kann.
Viele lernen früh, dass Nähe etwas kostet, dass ein anderer Mensch plötzlich kippen kann, dass man mit Bedürfnissen zu viel ist oder mit Gefühlen allein bleibt. Ich sehe dann kein verdorbenes Begehren. Ich sehe Anpassung. Ein Nervensystem, das Abkürzungen gebaut hat, weil der direkte Weg durch Schmerz geführt hätte. Später wird daraus ein Muster: Sex, Pornografie, Chatverläufe, Affären, Bordelle. Nicht zufällig. Dort lässt sich Kontakt erzeugen, ohne dass wirkliche Gegenseitigkeit entstehen muss.
Das ist der Punkt, an dem viele sich über sich selbst täuschen. Sie nennen es Freiheit, weil sie wählen können, weil sie sich niemandem erklären müssen, weil sie gehen können, sobald es enger wird. Für mich hat diese Form von Freiheit oft etwas Kaltes. Sie schützt vor Abhängigkeit und schneidet gleichzeitig die Stelle ab, an der Beziehung überhaupt erst lebendig wird. Wer Kontrolle mit Sicherheit verwechselt, spürt Nähe irgendwann nur noch, solange sie dosierbar bleibt.
Dann steht da vielleicht eine Frau, warm, offen, körperlich und emotional präsent, und genau das wird schwierig. Wegen dem, was ihre Offenheit auslöst. Plötzlich reicht Erotik nicht mehr. Jetzt wären Empfang, Antwort, innere Teilnahme gefragt. Jetzt müsste jemand bleiben, auch wenn Scham auftaucht, auch wenn der Impuls kommt, sich abzulenken, härter zu werden, zu scrollen, auszuweichen oder den Kontakt umzulenken in etwas, das weniger kostet. Viele Männer merken in diesem Moment erst, wie wenig echte Nähe sie in sich tragen können, obwohl sie viel sexuelle Erfahrung haben.
Ich sehe darin keine moralische Verfehlung als Erstes. Ich sehe einen hohen Preis. Mit jeder Wiederholung lernt der Körper etwas. Stille wird bedrohlich, Sicherheit wirkt verdächtig, und ein echtes Ja vom Gegenüber kommt nicht mehr klar an, weil das Innere nur noch auf Spannung reagiert. Der Orgasmus bleibt Entladung. Verbindung entsteht nicht. Und irgendwann wird selbst Berührung merkwürdig leer, sobald kein Deal mehr darin liegt.
Was mich an diesem Muster am meisten berührt, ist nicht die Dringlichkeit. Es ist die Einsamkeit darunter. Viele Männer suchen keine Frau. Sie suchen eine Pause von Scham, vom Gefühl, nicht zu genügen, von dieser wortlosen Unruhe, die sofort wieder ansteigt, sobald niemand und nichts sie überdeckt. Darum kann sogar bezahlter Sex entlastend wirken, weniger wegen besonderer Lust als weil dort keine echte Gegenseitigkeit, keine Bleibefähigkeit, keine innere Antwort verlangt ist.
An dem Punkt wird es ernst. Wer oft genug auf diese Weise ausweicht, verliert nicht nur Vertrauen in andere, sondern auch den Zugang zu sich. Ich merke das daran, wie schnell Männer den eigenen Drang benennen können und wie wenig sie spüren, was darunter liegt: Angst, Trauer, Ohnmacht, das alte Gefühl, innerlich unversorgt zu sein. Sobald ich mit jemandem dort ankomme, wird meist verständlich, warum die Flucht so mächtig geworden ist. Sie hat lange funktioniert, nur nichts gelöst, Zeit gekauft und Substanz gekostet.
Ich halte wenig davon, an dieser Stelle mit Disziplin zu beginnen. Mich interessiert zuerst Ehrlichkeit. Ich will wissen, was im Körper auftaucht, wenn der Impuls nicht sofort bedient wird: wo es eng wird, wo Hitze entsteht, wo Leere in Panik kippt, wo Scham den Blick senkt. Dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit, nicht in moralischer Aufrüstung und auch nicht im schönen Gerede über Bewusstsein, sondern in der Fähigkeit, einen Moment länger dazubleiben, ohne sofort aus sich zu verschwinden.
Am Anfang wirkt das unspektakulär, oft sogar unerquicklich. Kein Rausch, keine Erlösung. Nur ein Mann, der merkt, wie schnell er sonst wegläuft, sobald etwas in ihm wirklich berührt wird. Für viele ist genau das der fremdeste Ort. Nicht Lust, nicht Exzess. Dieser eine Moment, in dem nichts passiert und trotzdem alles da ist.
Stärke zeigt sich für mich dort: in der Bleibefähigkeit, in der Bereitschaft, Verantwortung für das zu übernehmen, was unter dem Drang liegt, in der Schlichtheit, den eigenen Körper nicht länger als Fluchtfahrzeug zu benutzen. Da endet die Geschichte vom Sex und beginnt etwas Ernsteres. Einer sitzt im eigenen Zimmer, das Handy in der Hand, der Impuls im Körper, und merkt, wie laut Einsamkeit werden kann, wenn sie keine Verkleidung mehr trägt.
Joe Turan
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Wow, mich berührt dieser Bericht so sehr. Und ich bin unglaublich traurig. Ich war 1 Jahr mit einem Mann zusammen, einem Vermeider wie aus dem Lehrbuch. Es fand null Intimität statt, weil er es mit mir nicht zulassen konnte. Dennoch war Sex immer ein Thema, wenn er geredet hat und wenn er von anderen gesprochen hat. Ich nehme an, dass Pornografie und auch andere Frauen eine große Rolle bei ihm gespielt haben. Auch unglaublich viele wechselnde Partnerschaften in der Vergangenheit. Mir hat körperliche Nähe in der Beziehung sehr gefehlt. Nun hat er deswegen Schluss gemacht. Weil Sex mit mir nicht geht. Obwohl er mich liebt. Ich sehe ihn so sehr in diesem Text wieder und ich wünschte mir so sehr, ich könnte ihn erreichen und ihm dabei helfen.
Joe, ich danke Dir von Herzen für diesen Post. Ich habe einen solchen Mann geliebt und tue es immer noch. Aber es war letzten Endes nur ein Versuch weil er nicht mehr zugelassen hat, einer der mich re-traumatisiert hat. Aber ich kann jetzt das zwischen uns niemals ausgesprochene besser verstehen und ihn jetzt in Frieden loslassen. Ich verstehe jetzt seine Not und auch warum es so kommen musste.