Was treibt Selbstzweifel an?
Ein Morgenimpuls für dich ☀️
Ich möchte eine bestimmte Studie mit dir teilen, die ich nie vergessen habe, seit ich zum ersten Mal darauf gestoßen bin. Sie stammt aus den späten 70er-, frühen 80er-Jahren. Ein Psychologieprofessor namens Robert Kleck am Dartmouth College führte ein faszinierendes Experiment durch, das wirklich zeigt, wie Selbstzweifel funktionieren und woher sie kommen.
Er brachte Menschen zusammen und malte einer Gruppe eine Narbe ins Gesicht, auf die rechte Seite des Gesichts, zwischen Ohr und Mund. Eine wirklich auffällige, sichtbare Entstellung. Er ließ sie sich selbst im Spiegel ansehen, damit sie sehen konnten: Okay, ich habe diese Narbe im Gesicht. Dann schickte er alle in Gespräche mit Fremden.
Nach den Gesprächen fragte er alle, wie sie das Gespräch erlebt hatten. Die Gruppe ohne Narbe hatte das Gefühl, dass es ein ganz normales Gespräch war. Die Gruppe mit der Narbe berichtete, dass sie sich bewertet fühlte. Sie empfanden das Gespräch als angespannt. Ihr Gesprächspartner wirkte kalt. Und sie hatten das Gefühl, wegen dieser Narbe anders behandelt worden zu sein.
Das allein wäre schon ein sehr interessantes Experiment über Vorurteile und Diskriminierung gewesen. Oder über die Wahrnehmung davon.
Und genau hier kommen wir zum interessanten Teil. Wenn ich jetzt kurz innehalte und dich zurückführe zu dem Moment direkt bevor diese Menschen in die Gespräche geschickt wurden: Sie hatten sich gerade im Spiegel gesehen. Kurz bevor sie in die Gespräche gingen, sagte der Forscher: Okay, ich werde etwas Feuchtigkeitscreme auf die Narbe auftragen, damit sie fixiert wird und nicht reißt.
Was tatsächlich getan wurde: Die Narbe wurde vollständig entfernt. Es gab keine Narbe. Diese Menschen gingen in die Gespräche hinein und glaubten, sie hätten eine Narbe. Und sie hatten keine.
Das führte dazu, dass sie eine Erwartung darüber hatten, wie andere Menschen sie behandeln würden. Diese Erwartung führte dann dazu, dass sie auf Dinge achteten, die objektiv gar nicht existierten. Es veränderte, wie sie sich zeigten. Sie erschufen die Realität, die sie erwarteten. Und das nennt man Erwartungsbias.
Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist. Wir sehen die Welt so, wie wir erwarten, dass sie ist.
Wenn wir jetzt darüber nachdenken, was das für uns bedeutet, wenn du das aus deiner eigenen Perspektive betrachtest, egal wer das gerade liest: Welche Art von Narben trägst du in jedes einzelne Gespräch, jede Begegnung, jedes Meeting, jedes Vorstellungsgespräch, jedes Gespräch mit einem geliebten Menschen?
Wie beeinflusst das nicht nur, wie du dich zeigst, sondern auch, was du interpretierst und bemerkst, obwohl es vielleicht gar nicht da ist?
Denn solange wir uns dieser Narben nicht bewusst sind, merken wir nicht, wie sehr sie die Welt erschaffen, in der wir leben.
Have a nice day 🤍
Joe Turan
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