Warum Loslassen sich manchmal wie Verrat anfühlt
Ein Morgenimpuls für dich ☀️
Ein Mensch fürchtet nicht nur, den Schmerz zu verlassen. Manchmal fürchtet er, den Teil von sich zurückzulassen, der ihn durch diesen Schmerz hindurchgetragen hat.
Dieser Teil kam nicht als Feind. Er kam als Schutz. Er lernte, die Stimme leiser zu machen, Bedürfnisse zurückzuhalten, den Körper wachsam zu halten, Wünsche zu verkleinern und das Leben so eng zu machen, dass es sich irgendwie kontrollierbar anfühlte. Vielleicht war genau das einmal notwendig. Vielleicht war Kontrolle damals die einzige Form von Sicherheit, die überhaupt verfügbar war.
Deshalb lässt sie sich später nicht einfach wegdrücken, nur weil der Kopf verstanden hat, dass sie heute zu eng geworden ist. Solange Kontrolle sich noch wie Liebe, Loyalität, Schutz oder Identität anfühlt, wird ein Teil in uns sie festhalten. Nicht aus Schwäche. Sondern weil Loslassen sich nicht wie Freiheit anfühlt, sondern wie Verrat an dem Teil, der so lange aufgepasst hat.
Darum beginnt die Arbeit nicht mit Gewalt gegen diesen inneren Verhinderer. Sie beginnt mit einem langsamen, ehrlichen Hinschauen. Was hat er geschützt? Wovor hatte er Angst? Was würde geschehen, wenn er nicht mehr die Richtung bestimmt? Erst wenn das erwachsene Selbst stabil genug ist, das Gefundene zu halten, kann dieser alte Schutz seine Macht verlieren. Heilung bedeutet nicht, dass Angst plötzlich verschwindet. Es ist der Moment, in dem die Angst noch spricht, der Körper noch zögert, der alte Teil noch warnt, und trotzdem nicht mehr er entscheidet, wie weit ein Mensch leben darf.
Joe Turan
www.joeturan.com
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