Warum emotionale Nachsorge über echte Nähe entscheidet
Trauma entsteht, ganz wörtlich, oft weniger aus der schwierigen, schmerzhaften oder verletzlichen Erfahrung selbst als aus dem Mangel an Unterstützung danach. Aus dem, was als Nächstes nicht geschehen ist.
Hier gibt es etwas, das ich für essenziell halte für emotionale Intimität in jeder Art von Beziehung. Romantisch. Platonisch. Familiär. Das spielt keine Rolle. Wenn du mit einem anderen Menschen wirklich emotional verbunden bist, wenn dir diese Verbindung etwas bedeutet, wenn du Intimität mit diesem Menschen willst, dann ist emotionale Nachsorge Teil dieser Bindung. Nicht optional. Teil davon.
Aftercare ist nicht nur für kinky Sex da. Sie gehört auch zur emotionalen Intimität. Wenn jemand mit dir verletzlich ist, wenn etwas Schweres oder Zartes oder zutiefst Persönliches zwischen euch geteilt wird, dann ist Nachfragen wichtig. Dranbleiben ist wichtig. Du kannst nicht einfach im Moment gut da sein und es dann dabei belassen.
Jemand kann sich in einer Zeit der Not an dich wenden. Er kann dir etwas Schmerzhaftes erzählen. Du kannst all die richtigen Dinge sagen. Du kannst ihn beruhigen. Du kannst ihm das Gefühl geben, gesehen zu werden. Und das ist wichtig. Sehr. Aber auch das, was danach geschieht, ist wichtig. Sehr. Denn wenn es danach kein Einchecken gibt, kein Zurückkommen, kein Zeichen fortgesetzter Präsenz, dann beginnt genau dort Distanz zu entstehen, wo sich Intimität geöffnet hatte.
Manchmal ist es ganz einfach. Hey, wie geht es dir heute. Hey, das war neulich wirklich intensiv. Ich wollte nur mal nach dir schauen. Du musst bei Menschen nachfassen, die sich dir gegenüber verletzlich gezeigt haben. Du musst sie spüren lassen, dass sie noch in deinem Kopf sind. Dass du sie nicht nur für einen Moment gehalten hast, um dann psychologisch zu verschwinden.
Sonst passiert etwas Merkwürdiges. Es wird zu so einer Art emotionalem Objektpermanenz-Problem. Jemand legt etwas Reales und Schweres zwischen euch auf den Tisch, und dann wird es nie wieder erwähnt. Kein Zurückkommen. Kein Nachklang. Auch wenn das erste Gespräch gut lief. Auch wenn die Person sich von deiner Präsenz getröstet gefühlt hat. Auch wenn du die richtigen Dinge gesagt hast. Dort endet es nicht.
Und dabei geht es nicht darum, endlos darüber zu kreisen. Es geht nicht darum, immer wieder dasselbe durchzugehen, auch wenn ich persönlich dafür in meinen Textnachrichten meistens Raum habe. Es geht eher darum: Ich will sicherstellen, dass es dir noch gut geht. Und wenn es dir nicht gut geht, will ich, dass du weißt: Ich bin immer noch da. Ich denke an dich. Ich bin immer noch da.
Denn sich so zu zeigen ist nichts Kleines. Denk einmal daran, wie schwer es ist, jemanden dich wirklich sehen zu lassen. Vor ihm ein völliges Chaos zu sein. Etwas offenzulegen, selbst wenn es mit ihm direkt gar nichts zu tun hat. Und dann stell dir vor, es kommt überhaupt kein Nachfassen. Kein Wie geht es dir heute. Kein Ich habe an dich gedacht. Kein Warst du heute draußen. Kein Fühlt sich heute irgendetwas gut an. Kein Kann ich irgendetwas für dich tun. Das fühlt sich merkwürdig an. Kalt sogar. Und trotzdem machen das viele Menschen genau so.
Deshalb ist dieses Nachfragen wichtig. Gespräche enden nicht einfach, nur weil das Gespräch endet. Nicht wenn etwas Reales geteilt wurde. Wenn da gegenseitige Intimität ist, spricht die Bindung weiter, auch nachdem die Worte aufgehört haben. Intimität ist in diesem Sinn ein fortlaufendes Gespräch. Ein fortgesetztes Signal. Ich bin immer noch da.
Ich liebe deshalb die Idee von emotionaler Beständigkeit. Gerade auch als jemand mit ADHS wie ich. Manchmal mache ich mir ganz bewusst eine Notiz, um bei jemandem nachzufragen, der mir wichtig ist, oder bei einem Freund, damit ich nicht vergesse, dass da vielleicht noch Unterstützung gebraucht wird. Ich hatte solche Momente selbst. Tiefes Teilen. Sogar schwere Krankheit. Und dann kein Nachfassen. Ich habe mich vergessen gefühlt. Ich will nicht, dass die Menschen, die ich liebe, das mit mir erleben. Ich will, dass sie wissen, in Worten, in Handlung, in Präsenz: Ich bin immer noch da.
Joe Turan
🌐 www.joeturan.com
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