Was, wenn Verlieben zum Teil bedeutet, sich in eine verborgene Version seiner selbst zu verlieben?
Ein Morgenimpuls für dich ☀️
Jeder kennt Narziss, den Mann, der von seinem eigenen Spiegelbild besessen war. Doch in Oscar Wildes Nacherzählung trauert der See um Narziss, nachdem dieser gestorben ist. Und als man den See fragt, warum, sagt er etwas Merkwürdiges. Er sagt, ihm sei nie aufgefallen, dass Narziss schön war. Er liebte ihn, weil der See in Narziss’ Augen seine eigene Schönheit gespiegelt sehen konnte.
Dieser Gedanke ähnelt überraschend stark etwas, mit dem sich auch Carl Jung beschäftigt hat. Jung vertrat die Auffassung, dass wir unbewusste Bilder des Männlichen und Weiblichen in uns tragen – das, was er Animus und Anima nannte.
Vielleicht geht es bei Anziehung also nicht nur darum, wer der andere Mensch ist. Es geht auch darum, was dieser Mensch in uns zum Leben erweckt.
Und vielleicht ist das der Grund, warum es sich manchmal so anfühlt, als würden wir einen Teil von uns selbst verlieren, wenn wir einen Menschen verlieren. Denn manchmal vermissen wir nicht nur diesen Menschen. Wir vermissen die Version von uns selbst, die nur existierte, wenn dieser Mensch uns ansah.
Joe Turan
🌐 www.joeturan.com
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